Aufstiegsmöglichkeiten nur für wenige

Bildung 1927:

Die Bildungssituation im Deutschen Reich ist durch eine starke föderative und konfessionelle Zersplitterung im Schulsystem gekennzeichnet.

Nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs 1918 hatten sich insbesondere die Arbeiterparteien KPD, USPD und SPD dafür eingesetzt, die im alten Deutschland selbstverständlich gegebene Verflechtung von Staat und Kirche im Schulwesen zu beseitigen und die weltliche, nicht konfessionsgebundene Schule ohne Verpflichtung zur Teilnahme am Religionsunterricht als Regelschule einzuführen. Die Sozialdemokraten hatten jedoch noch vor Inkrafttreten der Weimarer Verfassung (11. 8. 1919) in einer geheimen Absprache mit ihrem damaligen Koalitionspartner, dem katholischen Zentrum, auf diese Forderung verzichtet und damit die Zustimmung des Zentrums zum Versailler Friedensvertrag von 1919 erreicht.

Durch diesen Kompromiss kam die Formulierung des § 146 der Verfassung der Weimarer Republik zustande, in dem zwar betont wird, dass für die Aufnahme eines Kindes in eine bestimmte Schule nicht die wirtschaftliche und gesellschaftliche Stellung der Eltern und auch nicht ihr Religionsbekenntnis maßgebend sei, zugleich jedoch den Eltern die Möglichkeit eingeräumt wird, in den Gemeinden Volksschulen ihres Bekenntnisses einzurichten, wobei es wörtlich heißt: »Der Wille der Erziehungsberechtigten ist möglichst zu berücksichtigen.« Damit ist die Forderung nach der weltlichen Schule als Regelschule aufgegeben, alle Schulformen stehen formal gleichberechtigt nebeneinander, wobei sich faktisch jedoch die Bekenntnisschulen durchsetzten. 1927 gibt es im Deutschen Reich 28 570 evangelische, 15 216 katholische und 121 jüdische Bekenntnisschulen, aber nur 8413 Gemeinschaftsschulen für Schüler verschiedener Konfessionen; die Zahl der weltlichen Schulen ohne Religionsunterricht ist verschwindend gering. Die neue rechtsbürgerliche Reichsregierung strebt eine weitere Stärkung der Position der Konfessionsschulen an.

Die Volksschule, in der im Schuljahr 1926/27 85,8% aller Schüler ausgebildet werden (wobei nur etwa 60% den Abschluss erreichen) ist in manchen Ländern des Reiches achtklassig, in anderen sogar nur siebenklassig. Die Schulausbildung erfolgt für Jungen und Mädchen getrennt. Die Prügelstrafe ist wie die sog. Rangordnung – der Leistungsstand der einzelnen Schüler spiegelt sich in der Sitzordnung der Klasse wider – weit verbreitet.

Auch die Lehrerausbildung unterscheidet sich von Land zu Land. Während in Thüringen, Sachsen und Hamburg die Volksschullehrer an den Universitäten und Technischen Hochschulen ausgebildet werden, ist in Bayern und Württemberg das Seminarsystem aus der Kaiserzeit (Kurzausbildung auf meist konfessionell gebundenen Anstalten direkt nach der Volksschule) erhalten geblieben. Die in Preußen – in Kiel, Elbing und Bonn – für die Ausbildung der Volksschullehrer eingerichteten Pädagogischen Akademien (Voraussetzung für die Aufnahme ist das Abitur) sind nach Geschlechtern und nach Konfessionen getrennt; ein Novum ist die 1927 in Frankfurt am Main eingerichtete Pädagogische Simultanakademie, in der die Lehrerausbildung für die beiden christlichen Konfessionen unter einem Dach erfolgt. Die späteren Gymnasiallehrer studieren in allen Ländern des Deutschen Reiches an den Hochschulen.

Die soziale Not der Junglehrer ist ein vieldiskutiertes Thema. Es gibt z. B. in Preußen etwa 30 000 Volksschullehrer und -lehrerinnen, die nach Beendigung der Ausbildung noch keine Anstellung gefunden haben. Auf eine ausgeschriebene Stelle kommen etwa 30 Bewerber. Die Einführung der vierklassigen gemeinsamen Grundschule im Jahre 1920 sollte die vertikale Trennung nach Gesellschaftsschichten zumindest in den ersten Schuljahren aufheben. Es besteht aber weiterhin die Möglichkeit, seine Kinder durch Privatschulen oder Privatlehrer auf den Besuch höherer Schulen vorbereiten zu lassen. Nach dem Durchlaufen der Grundschule zementiert die Dreigliederung des Schulsystems – Volksschule, Mittelschule, Höhere Schule – die gesellschaftliche Schichtung. So stammen nur 4% der Schüler auf höheren Schulen aus Arbeiterfamilien.