Die Verbraucher sind wählerisch

Ernährung, Essen und Trinken 1927:

Eine ausreichende Ernährung der Bevölkerung im Deutschen Reich ist – ein Jahrzehnt nach Kriegsende und vier Jahre nach dem Inflationsjahr 1923 – im Allgemeinen gewährleistet. Bis 1923 war die Nahrungsmittelversorgung im Deutschen Reich u. a. durch folgende Faktoren eingeschränkt:

  • Das Deutsche Reich verfügte wegen des geringen Warenexports und wegen der Reparationszahlungen nicht über genügend Devisen zur Einfuhr von Nahrungsmitteln; durch den Dawes-Plan von 1924, der mit der Gewährung großzügiger Auslandskredite einherging, ist dieser Engpass an ausländischer Währung behoben.
  • Die Landwirtschaft in den europäischen Nahrungsmittelexportländern wie Rumänien und Ungarn hatte die Kriegsschäden noch nicht überwunden; diese Staaten haben inzwischen ihre Nahrungsmittelproduktion wieder erheblich ausgeweitet; allerdings bleibt die Sowjetunion als Nahrungsmittelexporteur weiterhin ausgeschaltet.
  • Durch die Inflation war die Kaufkraft der inländischen Bevölkerung beträchtlich zurückgegangen; seit der Währungsreform von 1923 steigt der Nahrungsmittelkonsum im Deutschen Reich kontinuierlich an.

Im Zuge des Konjunkturaufschwungs, des Rückgangs der Arbeitslosigkeit und des Anstiegs der Realeinkommen vollzieht sich bei den Grundnahrungsmitteln ein Rückgang beim Verzehr von Roggen und Kartoffeln und eine Hinwendung zu höherwertigen Produkten wie Weizenmehl, Eier, Zucker und Butter. Die Produktionsmenge an Kartoffeln aus der deutschen Landwirtschaft liegt zwar immer noch etwa drei Millionen t niedriger als im letzten Vorkriegsjahr 1913, stößt – nach einer Erhöhung der Preise um 38,8% im Laufe von 1927 auf 0,75 Reichsmark je kg – jedoch an die Grenze der Aufnahmefähigkeit des deutschen Marktes.