Teure Luxuskarossen deutscher Bauart

Auto und Verkehr 1927:

In der Statistik der Kraftwagen stehen die USA unangefochten an der Spitze, 80% der 27,6 Millionen bestehenden Kraftfahrzeuge fahren in den Vereinigten Staaten, dort kommt auf jeden sechsten Einwohner ein Auto. Dagegen besitzt nur jeder 57. Brite, jeder 70. Franzose und jeder 289. Deutsche ein Kraftfahrzeug. Das Deutsche Reich rangiert mit einem Bestand von insgesamt 218 000 Automobilen in der Weltrangliste auf Platz sechs hinter den USA, Großbritannien, Frankreich, Kanada und Australien.

Der Automobilboom in den USA ist nicht nur auf einen allgemein höheren Lebensstandard und eine breite Mittelschicht zurückzuführen, sondern auch darauf, dass die US-amerikanische Automobilindustrie – infolge des großen heimischen Marktes – dazu in der Lage ist, Wagen in Großserie (und am Fließband) relativ billig zu produzieren und mit ihrem Kleinwagenprogramm das Massenpublikum anspricht.

Seitdem 1925 im Deutschen Reich die Importzölle für Kraftwagen drastisch gesenkt worden sind, drängen die preiswerteren US-amerikanischen Kleinwagen auch auf den deutschen Markt. Die deutschen Unternehmen reagieren auf diesen Trend zunächst mit Zurückhaltung. Neben dem Opel »Laubfrosch«, der seit 1924 angeboten wird, tritt zwar 1927 als weiterer erfolgreicher Kleinwagen der »Dixi«, die deutsche Version des britischen »Austin Seven«; die renommierten und traditionsreichen deutschen Automobilfirmen wie Mercedes-Benz, Horch und Maybach halten jedoch an der Produktion von äußerst kostspieligen Luxuskarossen fest, die in einer großen Typenvielfalt angeboten und daher jeweils nur in geringer Stückzahl gebaut werden. Dabei wäre z. B. die Nationale Automobil Gesellschaft (NAG), die 1926 die Presto-Werke und 1927 die Automobilabteilung der Siemens-Schuckert Werke, die den bekannten »Protos«-Vierzylinder produzieren, aufgekauft haben, von den Produktionskapazitäten her durchaus in der Lage, ihr Programm auf die preiswertere Großserienproduktion umzustellen. Die Hansa Lloyd in Bremen führt zwar 1927 die Fließbandherstellung ein, allerdings nur auf dem Sektor der Lastkraftwagen.

Zu den teuersten deutschen Automobilen gehört der Audi-Sechszylinder, der seit 1925 in einer 80-PS-Version angeboten wird und eine Höchstgeschwindigkeit von 120 km/h erreicht. Trotz der 1927 vollzogenen Preissenkung für das Fahrgestell (Chassis) von 24 000 auf 15 000 Reichsmark (RM) findet der Wagen nur wenige Abnehmer; hinzu kommen noch 5000 bis 20 000 RM für die Karosserie.

Luxuriös und repräsentativ, sicher und bequem, aber noch weitaus teurer – in der Preisklasse um 25 000 RM für das Chassis – sind der 1926 erstmals vorgestellte Horch Achtzylinder mit 60 PS (der erste deutsche Achtzylinder, der in Serie hergestellt wird), der große 6,3 l Mercedes Sechszylinder Typ 630 mit 140 PS und der Maybach W5, ein 7-l-Sechszylinder mit 120 PS.

Das Streben nach Sicherheit und fahrtechnischer Zuverlässigkeit führt dazu, dass sich der serienmäßige Einbau von Vierradbremsen allmählich durchsetzt.