Werbeanzeigen künstlerisch gestaltet

Werbung 1927:

Führende Künstler verschiedener Kunstrichtungen sind sich nicht zu schade, ihre Arbeit in den Dienst der Werbung zu stellen. Neben der weiterhin fortbestehenden sentimentalen Kitschreklame gibt es in der zweiten Hälfte der 20er Jahre in den modernen Stilen gestaltete, künstlerisch anspruchsvolle Werbung. Der Kunstkritiker Walter F. Schubert äußert sich in seinem 1927 erscheinenden Buch »Die deutsche Werbegrafik« geradezu enthusiastisch über die Möglichkeiten der Reklame, die er als »unentbehrliches Glied im modernen Wirtschaftsleben« bezeichnet. Durch die kapitalistische Konkurrenzsituation werde der Werbekünstler zu Höchstleistungen angespornt. Die Reklamekunst gilt jedoch auch politisch progressiven, avantgardistischen Künstlern wegen ihrer massenhaften Wirkung und ihrer einfachen Sprache als wichtiges Betätigungsfeld.

Bei diesen Künstlern steht dabei weniger die Reklame für ein bestimmtes Produkt, sondern vielmehr die Vermittlung allgemeiner Werte – Sportsgeist, Fortschrittsbegeisterung usw. – im Vordergrund. Der Dada- und Collage-Künstler Kurt Schwitters, der in Hannover eine eigene Werbeagentur betreibt, gründet z. B. 1927 den »Ring der Werbegestalter«, bei dem u. a. folgende Künstler Mitglied sind:

  • der Maler und Grafiker Friedrich Vordemberge-Gildewart, der seit 1924 der niederländischen Künstlervereinigung »De Stijl« verbunden ist und mit schlichten, durch räumliche und flächige Elemente bestimmten Bildmontagen bekannt geworden ist. Vordemberge-Gildewart ist besonders vom Kubismus beeinflusst,
  • der deutsche Maler und Grafiker Willi Baumeister, dessen Bildkompositionen im Grenzbereich zwischen Abstraktem und Gegenständlichem angesiedelt sind,
  • der ehemalige Dadaist Max Burchartz, dessen Hauptbetätigungsfeld in der Fotomontage liegt,
  • der Typograf Jan Tschichold,
  • der niederländische Designer Cesar Domela.

Der »Ring der Werbegestalter« erhält in Hannover Aufträge von öffentlichen Institutionen – wie den Entwurf von Werbesprüchen für die städtische Straßenbahn und die Gestaltung von Ausstellungsräumen für das Landesmuseum – aber auch von privaten Firmen.

Für zwei Hannoveraner Firmen, die Keksfabrik Bahlsen und für die Pelikanwerke Günther Wagner, die Büroartikel herstellen, arbeitet neben Kurt Schwitters auch der sowjetische Konstruktivist El Lissitzky, der für Pelikan u. a. einen Briefkopf mit dicken Balken und asymmetrischer Komposition, der an den Bauhausstil erinnert, entwickelt.