Wirtschaftlichkeit ist gefragt

Wohnen und Design 1927:

Angesichts des bestehenden Wohnungsfehlbestandes von etwa einer Million Einheiten stehen Wirtschaftlichkeit und Rentabilität beim Bauen im Vordergrund. In Zusammenarbeit zwischen den Gemeindeverwaltungen, in denen besonders in den Großstädten vielfach die SPD regiert, den gemeinnützigen Wohnungsunternehmen und den Architekten des »Neuen Bauens« werden Großprojekte in einer neuen, effizienten und rentablen Bauweise realisiert.

Innerhalb dieses kommunalen Städtebaus sind zwei Typen zu unterscheiden:

  • die Trabantenstadt-Konzeption, nach der z. B. der Architekt Ernst May in der Gegend um Frankfurt am Main baut, geht davon aus, dass um eine Mutterstadt eine Reihe von kleineren Städten mit 50 000 bis 100 000 Einwohnern entstehen; diese Trabantenstädte sind mit der Mutterstadt eng verbunden, sie können sich jedoch lokal selbst versorgen; mit dieser Bauweise soll der Gegensatz zwischen Stadt und Land aufgehoben werden,
  • die städtischen Großsiedlungen, wie z. B. Bruno Tauts Hufeisensiedlung in Berlin-Britz, entstehen innerhalb des Stadtgebiets; sie sind, obwohl als abgeschlossene Einheiten mit eigenem Sozialgefüge entworfen, im Allgemeinen nicht selbstverwaltet, bieten jedoch gegenüber den Trabantenstädten den Vorzug kürzerer Wege zu den Arbeitsplätzen.

Bei den Wohnungseinrichtungen des »Neuen Bauens« setzt sich dieser Hang zu Effizienz und Funktionalität fort. Die gegenüber der Vorkriegszeit kleiner geplanten Wohneinheiten erfordern Klappbetten, ineinanderstellbare Stühle, Anbaumöbel und Einbauschränke. Besondere Aufmerksamkeit richten die Architekten des »Neuen Bauens« dabei auf die Küche: Einerseits werden Kompaktküchen mit Spülbeckeneinheit speziell für Junggesellen entworfen, auf der anderen Seite werden auch die Hausfrauenküchen für die Kleinfamilie nach rationellen Gesichtspunkten geplant. Arbeitsplatzanalysen, Zeit- und Bewegungsstudien sollen dazu führen, die Hausarbeit durch die Gestaltung der Kücheneinrichtungen zu erleichtern.

Ein Prototyp ist die Frankfurter Küche, entworfen von der Architektin Grete Schütte-Lihotzky, die ihr Programm so formuliert: »Grundsätze arbeitssparender, wirtschaftlicher Betriebsführung, deren Verwirklichung in Fabriken und Büros zu ungeahnten Steigerungen der Leistungsfähigkeit geführt hat, werden auf die Hausarbeit übertragen. Wir müssen erkennen, daß es für jede Arbeit einen besten und einfachsten Weg geben muß.«

Die Prinzipien der modernen Wohnkultur werden in den Illustrierten, in Broschüren und Ausstellungen mit Musterwohnungen propagiert. Dennoch nehmen viele nur ungern von dem alten, liebgewordenen Plunder, von riesigen Büffets, gedrechselten Tischen, Plüschgardinen und Nippes Abschied; sie können sich auf das standardisierte, jede Individualität leugnende Wohnen, so praktisch es auch sein mag, nicht einstellen.