Eine demokratische Baukunst

Architektur 1928:

Die wichtigste Aufgabe der europäischen Architekten liegt nach wie vor im Wohnungsbau, in der Behebung des Wohnungsmangels in den Städten, der durch die Industrialisierung und die Landflucht im 19. Jahrhundert sowie durch den Baustopp während der Kriegsjahre 1914 bis 1918 entstanden ist.

In Anbetracht des Umfangs der Bauvorhaben und der Notwendigkeit, kostengünstig zu bauen, damit die Mieten auch für Arbeiter und Angestellte erschwinglich sind, stehen die Siedlungsbauten und die industrielle Serienproduktion, die durch die neuen technischen Errungenschaften wie Stahlbeton, Skelett- und Montagebauweise ermöglicht werden, im Vordergrund. Die Ausrichtung auf das Zweckmäßige erfolgt jedoch nicht nur aus ökonomischen Gesichtspunkten, sondern entspricht den Zielen der vorherrschenden Richtung der Neuen Sachlichkeit. Ihr geht es um Funktionalität, bei der die äußere Form der Funktion des Bauwerks entsprechen soll, sowie um die Entwicklung einer modernen, demokratischen Gesellschaft, in der die Bauwerke nicht individualistischen Neigungen, sondern sozialen Erfordernissen folgen. Die Kunst soll allen Menschen zugutekommen. Eine bessere Architektur soll letztlich dazu beitragen, eine bessere Gesellschaft zu schaffen.

Ein Beispiel für den modernen Siedlungsbau stellt die Siedlung Dammerstock in Karlsruhe dar, bei der Walter Gropius, der Gründer des Bauhauses, der wegweisenden Hochschule für Gestaltung, die Bauleitung innehat und für die er selbst einige Häuserzeilen entworfen hat. Alle Häuserblocks der Siedlung laufen in nord-südlicher Richtung, damit das Sonnenlicht beide Fassaden erreicht; eine gewisse Auflockerung der Siedlungsanlage ergibt sich durch die unterschiedliche Höhe der Häuser, die zwei- bis fünfstöckig sind.

Einem anderen Konzept folgen die großen Wohnsiedlungen in Wien: Sie gruppieren sich um weiträumige Innenhöfe mit Gartenanlagen. Die berühmteste, der kurz vor der Vollendung stehende Karl-Marx-Hof des Architekten Karl Ehn, enthält 1382 Wohnungen sowie Infrastruktureinrichtungen wie Kindergärten, Gemeinschaftswäschereien, eine Bibliothek, eine Ambulanz, Geschäfte und Büros. Die Verbindung von Grünflächen und Wohneinheiten kennzeichnet auch die Arbeit der Architekten Clarence Stein und Henry Wright, die in Radburn, New York, die erste Gartenstadt der USA errichten.

Zwar hat sich der Funktionalismus als dominierende Stilrichtung durchgesetzt, jedoch folgen längst nicht alle Architekten seinen Prinzipien. 1928 erhält der traditionalistisch ausgerichtete Architekt Heinrich Tessenow die Bauleitung für die Berliner Siedlung Am Fischtal in Zehlendorf, deren Häuser eine konservative Formensprache wie das Steildach aufweisen. Sie liegt gegenüber der Großsiedlung Onkel Toms Hütte, die seit 1926 unter maßgeblicher Beteiligung von Bruno Taut gebaut wird und die mit ihren Flachdächern und den großen Fenstern dem Stil der Neuen Sachlichkeit entspricht.

Auch bei den Einzelbauwerken kommen verschiedene Einflüsse zum Tragen. Das 1928 eingeweihte neue Goetheanum in Dornach bei Basel, die anthroposophische Schule für Geisteswissenschaft, weist in seiner Gedrungenheit sowie den geneigten und gekrümmten Flächen Elemente des Expressionismus auf. Es entstand nach Plänen von Rudolf Steiner, dem Begründer der Anthroposophie. Das alte Goetheanum, ein Holzbau, war 1925 abgebrannt. Bereits 1926 wurde mit dem Beton-Neubau begonnen.

Im Stuttgarter Hauptbahnhof, den Paul Bonatz und Friedrich Eugen Scholer 1914 bis 1928 errichtet haben, gehen klassizistische und funktionalistische Züge eine enge Verbindung ein.

Den Ideen des Funktionalismus folgt das 1928 vollendete Warenhaus Schocken in Chemnitz (heute Karl-Marx-Stadt) des Architekten Erich Mendelsohn, der auch das Universum-Lichtspielhaus in Berlin gebaut hat. Das Warenhaus besteht aus Stahl, Beton und Glas, seine klare, leicht geschwungene Fassade wird durch Fensterreihen gegliedert.