Grundbedürfnisse gedeckt – Luxus gefragt

Ernährung, Essen und Trinken 1928:

Infolge der relativen Stabilisierung der wirtschaftlichen Situation im Deutschen Reich ist der Bedarf der Bevölkerung an Grundnahrungsmitteln im Allgemeinen gedeckt.

Seit dem Krisen- und Inflationsjahr 1923 ist die inländische landwirtschaftliche Produktion kontinuierlich angestiegen und hat 1928 erstmals wieder den Vorkriegsstand erreicht. Wegen der ausländischen Konkurrenz und der Überproduktion sind die Erlöse für Agrarprodukte 1928 erstmals rückläufig. So sinken die Durchschnittspreise für Schweinefleisch um 2,5%, für Rindfleisch um 1,2%, für Weizenmehl um 3,9%, für Zucker um 12,8% und für Kartoffeln sogar um 14,1% im Vergleich zum Vorjahr.

Der Verbraucher reagiert auf den Wohlstand mit geänderten Essgewohnheiten; er verzehrt weniger Grundnahrungsmittel und wendet sich feineren Genüssen zu. Der Kartoffelverbrauch pro Kopf der Bevölkerung liegt z. B. 1928 mit 168,37 kg erheblich unter der Vergleichszahl aus dem letzten Vorkriegsjahr 1913 (203,31 kg);

Demgegenüber hat der Verzehr von Obst im Vergleich zur Vorkriegszeit erheblich zugenommen: 42,97 kg pro Kopf der Bevölkerung im Jahr 1928 gegenüber 25,96 kg im Jahr 1913. Beim Fleisch zeigt sich ebenfalls ein – allerdings geringerer – Zuwachs: 44,93 kg Fleischverbrauch pro Kopf 1913 stehen 51,37 kg 1928 gegenüber.

»Gesunde Ernährung« wird zu einem Schlagwort in einer Zeit der Sicherung des Grundbedarfs. Rohkostler, Vegetarier und Anhänger des schweizerischen Arztes Maximilian Bircher-Benner, der eine rein pflanzliche Ernährungstherapie mit hohem Getreideanteil entwickelt hat, werben z. T. mit weltanschaulichen Argumenten für ihre Bewegungen; die Zeitungen berichten von Experimenten zur künstlichen Anreicherung der Nahrung mit Vitaminen und Eiweiß.