Nach zehn Jahren Ächtung wird Deutschland wieder Teil der Völkergemeinschaft

Nach zehn Jahren Ächtung wird Deutschland wieder Teil der Völkergemeinschaft
Briand-Kellogg-Pakt Frankreich: Briand spricht während der Unterzeichnung des Kellogg-Paktes. Zu seiner Rechten Hijmans (Belgien) und Stresemann (Deutschland); links Mr. Kellogg (USA) und Lord Cushendun (England). 1928, By Unknown photographer (possibly Erich Salomon) (GaHetNa (Nationaal Archief NL)) [Public domain], via Wikimedia Commons

Politik und Gesellschaft 1928:

»Kann der zivilisierten Welt eine bessere Lehre geboten werden als dieses Schauspiel einer Zusammenkunft, in der zur Unterzeichnung eines Paktes gegen den Krieg Deutschland aus freien Stücken und ohne Zögern zwischen sämtlichen anderen Signataren, seinen früheren Gegnern, Platz nimmt?« Diese – rein rhetorische – Frage stellt der französische Außenminister Aristide Briand anlässlich der feierlichen Unterzeichnung des Kriegsächtungspakts in Paris am 27. August 1928. Die Teilnahme des deutschen Außenministers Gustav Stresemann an dem feierlichen Akt belegt in der Tat, dass – im zehnten Jahr nach Kriegsende – Deutschland sich vom Stigma eines kriegslüsternen Staates zu einem Gutteil hat befreien können und wieder in die Völkergemeinschaft aufgenommen ist (auf sportlichem Gebiet wird dies durch die Teilnahme der Deutschen an den Olympischen Spielen in Amsterdam besiegelt – 1920 und 1924 waren sie noch ausgeschlossen). Der Abschluss dieses Vertrags, mit dem – erstmals in der Geschichte der Menschheit – der Angriffskrieg verurteilt wird, kann allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass die seit Ausgang des Weltkriegs bestehenden Probleme keineswegs gelöst sind. Die Verständigung mit Frankreich wird in Deutschland von der militärischen Führung und der politischen Rechten scharf abgelehnt. Das Deutsche Reich hat sich zudem mit Polen nicht ausgesöhnt und hält die Grenzfrage im Osten bewusst offen.

Während in Europa die Konflikte unter der Oberfläche schwelen, sind sie für jedermann sichtbar in Lateinamerika, wo die USA mit Waffengewalt ihre »Einflusszonen« sichern, und in China, wo die Japaner verstärkt in den Bürgerkrieg eingreifen. Der Kriegsächtungspakt ist in diesen Konflikten weitgehend wirkungslos, denn er verurteilt nur den Angriffskrieg und lässt damit breiten Spielraum für die Rechtfertigung militärischer Aktionen.