Unpersönliche, funktionale Wohnkultur wird propagiert

Wohnen und Design 1928:

Moderner leben, so lautet die Devise für Wohnungsbau und -einrichtung. Zeitschriften und Werbung propagieren den funktionsgerechten, unterkühlten Stil der Neuen Sachlichkeit, der nicht nur eine neue Form des Bauens und Designs meint, sondern ein neues Lebensgefühl kennzeichnet.

Im Wohnungsbau steht in den Städten die Errichtung großer Siedlungen im Vordergrund, für deren Konzeption moderne Formvorstellungen, wirtschaftliche Notwendigkeiten und soziale Motive eine enge Verbindung eingehen. Um den immer noch großen Wohnraumbedarf zu decken und um Wohnungen mit günstigen Mieten anbieten zu können, die auch für Arbeiter und Angestellte erschwinglich sind, ist es erforderlich, kostensparende Bauweisen zu entwickeln. Die Architekten arbeiten deshalb mit Skelett- und Fertigbauweise sowie mit normierten Grundrissen. Die Siedlungen bestehen zumeist aus zwei- bis fünfgeschossigen Reihenhäusern, die in Blöcken oder versetzt angeordnet sind. Grünflächen, Innenhöfe und Balkons sorgen für Licht und Luft. Tonangebend im Siedlungsbau sind die Städte Berlin, Frankfurt am Main und Stuttgart. In Frankfurt am Main errichtet der Architekt Ernst May die Siedlungen in Praunheim und an der Bruchfeldstraße; in Berlin erbaut der Architekt Bruno Taut die Siedlung Onkel-Toms-Hütte und die Hufeisensiedlung in Britz.

Die meisten Wohnungen sind eher klein, vermitteln aber den Eindruck von Weitläufigkeit weil die Räume ineinander übergehen. Zur modernen Wohnungsausstattung gehören Zentralheizungen und Heißwassersysteme.

Für die Inneneinrichtung werden zweckdienliche, platzsparende Möbel und klare, einfache Formen bevorzugt. Dem Nützlichkeitsdenken entsprechen die Klappbetten, Klapptische, die doppelstöckigen Kinderbetten, die Sofas mit Bettkasten, die verstellbaren Liegen und die Einbauschränke. Insbesondere die Kücheneinrichtung ist auf Rationalität und Arbeitsersparnis abgestellt, und die Hausfrau avanciert in diesem Konzept zur »Kücheningenieurin«.

Bevorzugt werden Schleiflack-, Stahlrohr- und Metallmöbel, die völlig ihren Funktionen angepasst sind und kein überflüssiges Dekor aufweisen. Möbel gelten dem Designer Marcel Breuer als »notwendige Apparate heutigen Lebens«, und dieselben Stühle und Sessel können sowohl in Wohnungen als auch in Theatern und Hörsälen stehen. Die Möbel sollen weder den persönlichen Stil des Designers ausdrücken noch den Wohnungen eine individuelle Note verleihen. Gefragt ist allein ein sachlich-funktionaler, unpersönlicher Stil.

Klare, einfache Formen beherrschen auch die Gebrauchsgegenstände. In Mode kommen einfaches, weißes Geschirr, Glasservices und unverzierte Bestecke. In der Produktion herrscht die Serienanfertigung vor.

Die funktionalisierte, standardisierte, unpersönliche Wohnkultur findet immer mehr Anhänger, aber nicht alle wollen von Plüsch und Dekor Abschied nehmen, und längst nicht alle, die dem neuen Stil positiv gegenüberstehen, können sich das moderne Design leisten.