Werbung: Kunst für die Massen

Werbung 1928:

Namhafte Künstler entdecken in den 20er Jahren die Werbung als neues Betätigungsfeld, als wichtigen Faktor des kulturellen Lebens. Ihre Hinwendung zur Reklame ergibt sich aus dem vorherrschenden Stil der Neuen Sachlichkeit, der das Nützliche und Funktionelle in den Vordergrund stellt, sich alltäglicher Gebrauchsgegenstände annimmt und eine demokratische Kunst, die jedermann zugänglich ist, anstrebt. Werbung wird zur Kunstform einer neuen Generation, die sich für Technik und Fortschritt, für Funktionalismus und Amerikanismus begeistert. Aber auch andere, ornamentale Stile, wie z. B. Art déco, werden vielfach in der Reklame eingesetzt. Die Künstler gehen von der Erkenntnis aus, dass Plakate, Inserate und Werbeprospekte einem großen Teil der Bevölkerung die einzige ästhetische Anregung bieten. Sie streben danach, die Qualität der Werbung zu verbessern. Dieser Anspruch überlagert auch bei linksgerichteten Künstlern die vielfach kaum reflektierte Tatsache, dass die Werbung der Verkaufssteigerung dient und sich daher bruchlos in das kapitalistische System einfügt. Die Arbeit für die Werbung ist zudem für viele Künstler eine Möglichkeit, das nötige Geld für den Lebensunterhalt zu verdienen.

Viele Grafiker, Maler und Typografen, die Buchumschläge, Briefköpfe und Werbeparolen entwerfen und gestalten, arbeiten mit Fotomontagen, Collagen und einer asymmetrischen, sehr ungewöhnliche Typen verwendenden Schrift. Der Typograf Jan Tschichold fordert beispielsweise, dass die Schrift den gleichen Kompositionsprinzipien unterliege wie ein konstruktivistisches Bild. Im Dessauer Bauhaus befasst sich eine Abteilung vordringlich mit Werbung und Ausstellungsdesign. Hier werden u. a. für die Verwaltung der Stadt Dessau und für die Tapetenfirma Rasch Entwürfe angefertigt. Der Dada-Künstler Kurt Schwitters betreibt in Hannover eine Werbeagentur, die Aufträge von der Stadt und von privaten Firmen erhält.