Einbußen für Landwirte durch weltweite Überproduktion

Ernährung, Essen und Trinken 1929:

Über zehn Jahre nach Kriegsende und sechs Jahre nach dem Inflations- und Krisenjahr 1923 sind die Versorgungsengpässe im Deutschen Reich endlich weitgehend überwunden. Die landwirtschaftliche Produktion hat den Vorkriegsstand fast wieder erreicht, in einigen Bereichen sogar übertroffen. Schwierigkeiten gibt es lediglich bei einigen Grundnahrungsmitteln, etwa bei Kartoffeln (Ertrag 1913: 44 650 000 t, 1929: 40 077 000 t) oder bei Zucker (Ertrag 1913: 16 919 000 t, 1929: 11 091 000 t), der bereits kontingentiert ist. Trotz hoher Schutzzölle werden immer mehr Nahrungsmittel aus dem Ausland eingeführt. Wegen der weltweiten Überproduktion wird die Situation für die deutsche Landwirtschaft zunehmend schwieriger. Folgende Faktoren ermöglichen die kontinuierliche Steigerung der Ernteerträge:

  • In allen europäischen Ländern sind die kriegsbedingten Kapazitätseinschränkungen inzwischen überwunden.
  • Die stärkere Verwendung von Kunstdünger führt zu höheren Erträgen. Im Deutschen Reich ist z. B. der Verbrauch von Stickstoff als künstliches Düngemittel von 185 000 t im letzten Vorkriegsjahr 1913 auf 417 000 t im Erntejahr 1928/29 gestiegen.
  • Vor allem in den USA macht die Mechanisierung der Landwirtschaft große Fortschritte. Dies führt ebenfalls zu einer Ertragssteigerung und zu einem Rückgang der Nachfrage bei Futtermitteln, da in wachsendem Umfang Zugtiere durch Traktoren ersetzt werden.

Verschärft wird die Überproduktions-Krise durch neue Konkurrenten wie Argentinien (Getreide), Australien und Neuseeland (Lammfleisch), die ihre Produkte auf dem Weltmarkt billig anbieten. Mit den Weltmarktpreisen gehen auch die Preise, die im Deutschen Reich erzielt werden, zurück. Allerdings werden die Einbußen durch niedrigere Anschaffungskosten für Düngemittel und Maschinen sowie durch die Möglichkeit, bei steigenden Arbeitslosenzahlen Saisonarbeiter zu niedrigen Löhnen zu beschäftigen, teilweise ausgeglichen.