Hohe Arbeitslosigkeit Monate vor dem Schwarzen Freitag

Arbeit und Soziales 1929:

Die Arbeitsmarktsituation im Deutschen Reich ist 1929 durch eine hohe Arbeitslosenzahl gekennzeichnet, die allerdings weit vor dem Börsenkrach, bereits im Februar, mit 3,1 Millionen ihren höchsten Stand erreicht. Angesichts der angespannten wirtschaftlichen Situation geht die Zahl der Streiks gegenüber dem Vorjahr zurück. Bei teilweise erheblichen Unterschieden in den einzelnen Industriezweigen liegen die Tariflöhne um etwa 3,5% höher als im Vorjahr. Weibliche Beschäftigte verdienen im Durchschnitt ein Viertel weniger als ihre männlichen Kollegen.

Die Zahl der gemeldeten Arbeitslosen (nach den Statistiken der Arbeitsämter) sinkt nach der Rekordzahl im Februar saisonbedingt und erreicht im Juli mit 1,4 Millionen den niedrigsten Stand des Jahres. Zum Jahresende sind allerdings wieder knapp 2,9 Millionen Menschen im Deutschen Reich offiziell arbeitslos.

Die Zahl der tatsächlich Arbeitsuchenden ist vermutlich höher, da ein großer Teil derjenigen, die keinen Anspruch auf Unterstützung haben, sich nicht beim Arbeitsamt meldet. Die Zahl der Hauptunterstützungsempfänger ist außerdem wesentlich niedriger als die der gemeldeten Arbeitsuchenden (2,5 Millionen Ende Februar 1929, 0,7 Millionen Ende Juli und 1,8 Millionen Ende Dezember); viele Arbeitslose sind also auf die Sozialhilfe angewiesen.

Eine zuverlässige Angabe der Arbeitslosenquote lässt sich nur für Gewerkschaftsmitglieder ermitteln. Bei ihnen liegt die Durchschnittsquote für 1929 bei 13,2 % im Vergleich zu 8,6 % 1928. Bei der Kurzarbeit ergibt sich eine Quote von 7,5 % gegenüber 5,7 % 1928. Infolge der angespannten Arbeitsmarktlage ist die Bereitschaft, Lohnerhöhungen mit Streiks durchzusetzen, geringer als im Vorjahr. Die Streikmüdigkeit ist z. T. auch durch Misserfolge, etwa im Arbeitskampf in der Eisen- und Stahlindustrie des Ruhrgebiets vom November/Dezember 1928, zu erklären. Der Arbeitskampf in der Hamburger Werftindustrie endet dagegen mit einem Teilerfolg. Die Zahl der erfolgreichen Streiks – nach den Kriterien der Reichsstatistik – übertraf seit 1923 nur einmal die Zahl der erfolglosen Arbeitskämpfe: 1927 standen 246 mit vollem Erfolg für die Arbeitnehmer geführten Streiks 205 erfolglose und 308 z. T. erfolgreiche Arbeitsniederlegungen gegenüber.

1929 hingegen enden 143 Streiks ohne Erfolg, 161 führen zu Teilerfolgen und nur 127 bringen den Arbeitnehmern einen vollen Erfolg.

Bei gleichzeitig leichtem Anstieg der Tariflöhne bleibt der Unterschied in der Bezahlung gelernter und ungelernter Arbeitskräfte unverändert hoch: Während die Durchschnitts-Stundenlöhne für gelernte Arbeiter im Deutschen Reich von 108,2 Reichspfennig (Rpf) im Dezember 1928 auf 111,9 Rpf im Dezember 1929 ansteigen, erhöhen sich die Löhne ungelernter Arbeiter im gleichen Zeitraum von 81,1 auf 84,4 Rpf. Auch zwischen den Branchen gibt es erhebliche Unterschiede. Am besten bezahlt die Bauindustrie mit durchschnittlich 140,9 Rpf für Maurer und Zimmerer und 116,1 Rpf für Bauhilfsarbeiter, wobei allerdings Einkommenseinbußen durch Kurzarbeit infolge schlechten Wetters in Kauf genommen werden müssen.

Erheblich über dem Gesamtdurchschnitt liegen die Stundenlöhne der Bergarbeiter (123,9 Rpf) und die Löhne im Holzgewerbe (122,3 Rpf für Facharbeiter, 105,3 Rpf für Hilfsarbeiter).

Schlecht bezahlt sind Arbeiten in der Papierindustrie (98,2 Rpf für Maschinenführer und Handwerker, 78,3 Rpf für Hofarbeiter), im Textilbereich und außerdem in den Kartonagefabriken. Die bei gleicher Tätigkeit ungleiche Entlohnung von Männern und Frauen ist Ende der 20er Jahre im Deutschen Reich eine Selbstverständlichkeit. Hinzu kommt, dass der Anteil der Ungelernten bei den Arbeiterinnen weit höher ist als bei den Arbeitern (52,3 % der Frauen in Industrie und Handwerk gegenüber 29 % der Männer). Die Gewerkschaften fordern zwar die prinzipielle Gleichstellung beider Geschlechter am Arbeitsplatz, setzen sich jedoch in Tarifverhandlungen kaum für die Interessen ihrer weiblichen Mitglieder ein. Über ein Drittel (35,3%) aller Frauen im Deutschen Reich sind – so die Volkszählung von 1925 – erwerbstätig; 1907 waren es noch 29,6%. Vor allem für jüngere Frauen ist eine mehrjährige Berufstätigkeit vor der Ehe oder vor der Geburt des ersten Kindes die Regel. Allerdings wird diese Zeit von vielen Frauen als Übergang angesehen; die traditionelle Rollenverteilung, wonach die Frau – ob erwerbstätig oder nicht – für die Hausarbeit zu sorgen hat, wird von beiden Geschlechtern nicht infrage gestellt. Nach der Berufszählung von 1925 waren zwei Drittel der weiblichen Angestellten unter 25 Jahre alt, bei den Arbeiterinnen lag der Anteil etwas niedriger. Der Anstieg der Erwerbsquote bei der weiblichen Bevölkerung hängt mit dem Anwachsen von Angestelltentätigkeiten im Büro, in der Verwaltung und bei den Dienstleistungen, mit dem Einsatz von Frauen am Fließband und mit dem Vordringen neuer Arbeitstechniken, die körperlich weniger anstrengend sind, zusammen.