Sozialistische »Kinderfreunde«

Bildung 1929:

In der Schrift »Die Aufgaben der Kinderfreunde« (1929) erläutert der sozialdemokratische Berliner Schulreformer Kurt Löwenstein die Notwendigkeit einer sozialistischen Kindergruppenarbeit:

»Was das einzelne Kind und die einzelne Familie nicht kann, das kann die Erziehungsbewegung leisten. In der Kindergruppe sind die Arbeiterkinder als Gleichberechtigte beieinander. Alle kommen im Wesentlichen aus ähnlichen wirtschaftlichen Verhältnissen und sind unter ähnliche Lebensbedingungen gestellt … Wir gehen … von der besonderen gesellschaftlichen Lage des Arbeiterkindes aus. Das Arbeiterkind lebt unter einer doppelten Unterdrückung. Es teilt die wirtschaftliche Not und das unsichere Dasein seiner Arbeitereltern, es erlebt darüber hinaus in der häuslichen Enge, in der Bedrücktheit der Eltern eine zweite Form der Unterdrückung. In den meisten Proletarierfamilien, selbst in solchen, in denen Mutter und Vater politisch organisiert sind und sich nicht nur als gute Sozialdemokraten fühlen, sondern auch mutige Kämpfer der Arbeiterbewegung sind, herrscht im häuslichen Kreise noch die alte Form obrigkeitlicher Gesinnung. So sehr die Eltern eine klassenlose Gesellschaft erstreben, so sehr sie die Bedrückung der Schwächeren hassen und dem Stärkeren nur vermehrte gesellschaftliche Verpflichtung auferlegen wollen, so wenig ist diese Gesinnung zumeist in ihr eigenes Heim eingedrungen.«

Die KPD kritisiert diese Vorstellungen als »idealistisch«. Der ebenfalls 1924 gegründete kommunistische Kinderverband, der Jung-Spartakus-Bund, setzt stattdessen auf die Ausbildung klassenkämpferischer Fähigkeiten.

Die sozialistischen Bildungsexperimente, insbesondere an den Schulen, sind nur einer verschwindend kleinen Minderheit zugänglich. Der überwiegenden Mehrheit der Arbeiterkinder bleibt der Weg zu einer besseren Ausbildung weiterhin verschlossen. Nur 13,6% aller Schüler besuchen 1929 weiterführende Schulen. Der Anteil der Arbeiterkinder an diesen Schulen wird auf 4% geschätzt. Doppelt benachteiligt sind die Mädchen aus Arbeiterfamilien, denn an den höheren Schulen sind etwa zwei Drittel aller Schüler Jungen. Der Anteil der Mädchen, die das Abitur erreicht hatten, belief sich bei der letzten schulstatistischen Erhebung (1926/27) auf 9,1%. Der Anteil der Frauen an den 93 000 Studenten, die im Sommersemester 1929 an den Universitäten (ohne Technische Hochschulen) des Deutschen Reichs immatrikuliert sind, liegt mit 16% ein wenig höher. Unter den 5599 Lehrkräften an deutschen Universitäten sind nur 47 Frauen.

Wegen ihrer reaktionären politischen Gesinnung haben die »Deutschen Studentenschaften« 1928 im Land Preußen ihre staatliche Anerkennung als Selbstverwaltungsorgan der Studierenden verloren. Auf ihrer Jahrestagung im Juli 1929 in Hannover gibt sich der Vorstand der Organisation daher gemäßigt. Die Studentenschaften der Universitäten Würzburg, Erlangen und Brunn sowie die Technische Hochschule München stellen hingegen auf der Tagung den Antrag, einen Numerus clausus für jüdische Studenten und Lehrende einzuführen. Die Erörterung dieses Antrags wird allerdings von dem Studenten-Plenum mit einer relativ knappen Mehrheit von 103 gegen 70 Stimmen abgelehnt.