Sozialistische Reformer wollen Einheitsschule durchsetzen

Bildung 1929:

In einem Bildungssystem, das Kindern aus der Arbeiterschicht den Besuch weiterführender Schulen weitgehend versperrt, kommt den Bemühungen sozialistisch und kommunistisch orientierter Schulreformer um eine Verbesserung der Ausbildung für Proletarierkinder große Bedeutung zu. Auch die Frauen gehören zu den Benachteiligten der Weimarer Bildungseinrichtungen; sie sind z. B. an den Universitäten unterproportional vertreten. Die in Verbindungen organisierten Studenten tendieren in der Regel nach rechts, völkische und nationalsozialistische Vorstellungen sind weit verbreitet.

Als Modell für eine sozialistische Schule wird die 1929 von dem sozialdemokratischen Schulreformer Kurt Löwenstein in Berlin-Neukölln aus verschiedenen Vorstufen entwickelte Karl-Marx-Schule angesehen. Sie vereinigt eine Volks- und eine Aufbauschule, auf der Schüler mit abgeschlossener Volksschulbildung das Abitur erreichen können, ferner eine »Deutsche Oberschule«, die deutschsprachigen Literaturunterricht und künstlerische Fertigkeiten in den Vordergrund stellt, sowie einen Arbeiter-Abiturientenkurs. Letztere Einrichtung ermöglicht es jungen Arbeitern, nach einer abgeschlossenen Berufsausbildung in dreijährigen halbtägigen Kursen die Hochschulreife zu erlangen. Die Karl-Marx-Schule kommt der von den Reformern angestrebten Einheitsschule, die die Barrieren des dreigliedrigen staatlichen Schulsystems überwinden soll, nahe.

Löwenstein ist im Rahmen der sozialistischen Reformpädagogik auch als Vorsitzender der 1924 als Reichsorganisation gegründeten »Kinderfreunde« bekanntgeworden. Die Ziele dieser SPD-nahen Bewegung, deren jugendliche Mitglieder »Falken« heißen, sind:

  • Entwicklung eines kollektivertes Selbstbewusstseins
  • Entwicklung eines emotional gestützten Klassenbewusstseins
  • Ausbildung einer aktiven Solidarität und eines demokratischen Bewusstseins.