Überproduktion bereitet der Kraftfahrzeugindustrie Sorgen

Auto und Verkehr 1929:

Das Autojahr 1929 ist geprägt von einer weiter ansteigenden Motorisierung und einer Fortdauer des Konzentrationsprozesses in der Autoindustrie. Zugleich machen sich in den Sommermonaten die ersten Zeichen einer Absatzkrise bemerkbar: Am 8. Juni verzichtet der Reichsverband der Deutschen Automobilindustrie wegen der schlechten Ertragslage auf die Durchführung einer Automobil- und Motorradausstellung, im Juli werden bei der Adam Opel AG in Rüsselsheim Arbeiter entlassen. Für den Rest der Belegschaft wird Kurzarbeit angeordnet. Im August müssen auch die Automobilhersteller in den Vereinigten Staaten ihre Produktion drosseln.

Am 1. Juni gibt es im Deutschen Reich 1 185 499 Kraftfahrzeuge, 49,6% mehr als zum gleichen Zeitpunkt des Vorjahres. Der Bestand an Personenkraftwagen wächst im gleichen Zeitraum um 23,3% auf 433 205 . Allein in Berlin sind 42 844 Pkw zugelassen, was einem Zuwachs gegenüber dem Vorjahr von 18,3 % entspricht. Wegen des Verzichts auf eine Automobilausstellung werden andere Möglichkeiten zur Präsentation von Fahrzeugen gesucht: Auf der Weltausstellung in Barcelona stellt sich die deutsche Automobilindustrie mit einer Gemeinschaftsausstellung vor, in Berlin-Grunewald wird auf einer Veranstaltung des Deutschen Auto-Clubs am 16. Juni ein Mercedes-Benz SSK als schönstes deutsches Automobil prämiert. Der 35 000 Reichsmark (RM) teure SSK zählt zu den Neuheiten des Jahres 1929. Der Sechszylindermotor mit einem Hubraum von 7020 cm3 entwickelt eine Leistung von 170 PS (mit Kompressor 225 PS). Bei einer Spitzengeschwindigkeit von 165 km/h verbraucht der Zweisitzer 27 Liter auf 100 km. Konstrukteur des Mercedes-Benz SSK ist Ferdinand Porsche, der zu Beginn des Jahres 1929 sein Amt als technischer Direktor bei Mercedes-Benz aufgibt und zu Steyr nach Österreich wechselt. Das erste von ihm für Steyr konstruierte Modell ist die Luxuslimousine Austria (acht Zylinder, 100 PS). Insgesamt geht der Trend, nicht zuletzt wegen der seit 1927 gültigen Bemessung der Kraftfahrzeugsteuer nach Hubraum und nicht mehr nach Leistung, zu kleinerem Hubraum bei hoher PS-Leistung, wobei Drehzahlen von 3000 U/min erreicht werden.

Zwar ist einer der erfolgreichsten Kleinwagen, der seit 1925 gebaute Hanomag 2 (»Kommissbrot«), im Vorjahr vom Markt verschwunden, dennoch ist der Kleinwagenboom im Deutschen Reich ungebrochen. Der seit 1924 gebaute Opel 4 (»Laubfrosch«) erhält eine verbesserte Motorversion, mit der die Leistung um vier auf 20 PS gesteigert wird; BMW, die 1928 die Dixi Werke übernommen haben, bringen mit dem 3/15 eine verbesserte Version des in Lizenz der britischen Firma Austin gebauten Dixi heraus (15 PS, 749 cm3).

Im größten Automobilland USA, wo bereits jeder Fünfte ein Auto fährt, liefern sich die Ford Motor Company und General Motors einen harten Konkurrenzkampf. 1929 bringt Chevrolet, ein Unternehmen von General-Motors, als Ersatz für den Typ 11 ein Sechszylindermodell heraus.

Weitere US-Neuheiten sind der Cadillac 341 B (5600 cm3, 95 PS, 145 km/h) und der Lincoln Town Sedan (6300 cm3, 90 PS, 110 km/h). Eine Ausnahme von der im US-Automobilbau typischen Großserienproduktion von Standardtypen, bei denen von Jahr zu Jahr lediglich Änderungen in der Ausstattung sowie bei Details der Karosserie vorgenommen werden, bilden Nobelmarken wie Duesenberg, die in diesem Jahr mit einem neuen Modell (6,9 l, 265 PS) auf dem Markt vertreten sind. Ein Konkurrent um die Gunst des zahlungskräftigen Publikums, die britische Firma Rolls-Royce, bringt den seit 1925 gebauten Phantom mit Detailverbesserungen als Phantom II heraus (sechs Zylinder, 7768 cm3, 120 PS). Die verstärkte Präsenz von US-Firmen wie Chevrolet und Ford, die ihre Wagen aus Zollgründen in Zweigwerken in Berlin montieren, verschärft den Konkurrenzkampf unter den vielfach kapitalschwachen deutschen Unternehmen. Sie sind gezwungen, sich auf Großserienfertigung umzustellen, was jedoch auch finanzielle Probleme mit sich bringt: Da wegen der begrenzten Kaufkraft der Masse der deutschen Autofahrer die Preise möglichst niedrig sein müssen, sind die Werke auf eine vollständige Ausnutzung ihrer Kapazität angewiesen.

Nur wenige Autofirmen wie Mercedes-Benz, die Bayerischen Motoren Werke (BMW) und die Adler Werke vorm. Heinrich Kleyer AG in Frankfurt am Main verfügen über kapitalkräftige Anteilseigner (Deutsche Bank und Dresdner Bank). Selbst bekannte Unternehmen wie Hanomag.und Stoewer kämpfen mit finanziellen Schwierigkeiten. Immer lauter werden die Rufe nach erhöhten Schutzzöllen zur Drosselung von Importen, nachdem die verstärkten Anstrengungen zur Eroberung ausländischer Märkte bis dahin wenig erfolgreich waren.

Die Gesamtkapazität von fünf Autofirmen, die sich auf Klein- und Mittelklassewagen (1,7 bis 2,2 l Hubraum) spezialisiert haben (Opel, Brennabor, Adler, Dixi und Hanomag), liegt 1929 bei 287 000 Fahrzeugen.

Demgegenüber konnte die deutsche Automobilindustrie 1928 lediglich rund 76 000 Fahrzeuge absetzen. Die von ausländischen Firmen im Deutschen Reich errichteten Zweigwerke konnten etwa 26 000 Wagen verkaufen. Verstärkt beteiligen sich ausländische Großkonzerne an alteingesessenen deutschen Autofirmen: Am 1. Januar erfolgt die Gründung der NSU-Fiat in Heilbronn, nachdem im November die italienischen Fiat Werke Mehrheitsaktionär bei den Neckarsulmer Fahrzeugwerken (NSU) geworden waren. Am17. März wird die Adam Opel AG von General Motors übernommen. Damit gewinnt das Rüsselsheimer Unternehmen Anschluss an die modernste Technik des Großserien-Automobilbaus.