Wolkenkratzer als Spiegel der Zeit

Architektur 1929:

Wolkenkratzer sind zu Symbolen der gesellschaftlichen Dynamik des 20. Jahrhunderts geworden. Sie entstehen immer dort, wo rasch wachsende Wirtschaftszentren zu urbanen Ballungsräumen werden. Sie verändern das Erscheinungsbild und das Selbstbewusstsein der Metropolen und ihrer Bewohner. Die frühen Wolkenkratzer aus den 80er und 90er Jahren des 19. Jahrhunderts in Chicago und New York waren noch Produkte reiner Wirtschaftlichkeit. Fragen des Stils waren nebensächlich. Im Vordergrund standen allein die Rentabilität der Investition und das technisch Machbare. Dennoch überstanden die klare Strenge und Ausdruckskraft dieser Gebäude alle zwischenzeitlichen Moden.

Louis Henry Sullivan, der Begründer der Wolkenkratzer-Architektur in Chicago, gliederte seine Bauten nach dem Vorbild antiker Säulen. Die Sockelgeschosse bildeten die Basis, auf der die zahlreichen Bürogeschosse als »Säulenschaft« ruhten. Die Zone der Dachgeschosse bekrönte das Ganze wie ein Kapitell. Nach Sullivans Auffassung sollte der Wolkenkratzer »zeigen, was er ist«, nämlich eine griechische Säule.

Dieser romantischen Betrachtungsweise setzte das New Yorker »zoning law« von 1916 ein Ende. Weil die tiefen Straßenschluchten besser belichtet und belüftet werden sollten, mussten alle neuen Wolkenkratzer innerhalb bestimmter Höhenzonen zunehmend verjüngt werden.

Das Erreichen immer größerer Höhen war nur durch ständige Fortschritte im Stahlskelett- und Fassaden-Fertigteilbau möglich. Parallel dazu mussten der Brandschutz sowie die Aufzugstechnik weiterentwickelt werden.

Die Wolkenkratzer der 20er Jahre werden dem Stil des Art Déco unterworfen. Markantestes Beispiel ist das Chrysler-Building des Hochhaus-Architekten W. van Alen. Reiche Dekorationen und Ornamente, viel Chrom, Glas und Farbe zieren Portale, Foyers, Silhouetten und Bekrönungen. Die bunte Mixtur entspricht der Vorliebe der Zeit für Jazz und Ozeanriesen, Hektik und Vitalität.