Mehr Hubraum trotz Flaute

Auto und Verkehr 1930:

Im Deutschen Reich nimmt die Motorisierung kontinuierlich weiter zu; der Bestand an Kraftfahrzeugen wächst gegenüber dem Vorjahr um 17,2% auf 1 389 923 an, davon 501 254 Personenkraftwagen.

Während zahlreiche Automobilhersteller, bedingt durch die allgemeine wirtschaftliche Krise, starke Absatzeinbußen hinnehmen müssen, setzt sich weltweit der Trend zu luxuriöseren und leistungsfähigeren Pkw fort.

Die Neuheiten in den USA – mit 26 Mio. Kfz das am weitesten motorisierte Land – setzen weiterhin Zeichen für die weltweite Entwicklung auf dem Automobilmarkt: Bei der alljährlichen US-Automobilausstellung, die im Januar im New Yorker Grand Central Palace stattfindet, wird der 16-Zylinder-Cadillac, Modell 452, vorgestellt. Der Superwagen, dessen 7,4-Liter-Triebwerk 160 PS leistet, wird im ersten Modelljahr – trotz Rezession – mehr als 3000 Mal verkauft. Insgesamt hat sich in den USA das Schwergewicht von den traditionellen 4-Zylinder-Motoren, die nur noch von Ford, Plymouth und Whippet produziert werden, zu den 6-Zylinder-Motoren verschoben, die bei 24 Produzenten gebaut werden. Acht Hersteller haben sich auf mittelschwere bis schwere 8-Zylinder-Motoren verlegt. Im Deutschen Reich bringt neben Horch mit den Typen 400 und 405 auch Daimler-Benz einen 8-Zylinder-Wagen heraus: Der »Große Mercedes« Typ 770 hat 7,7 Liter Hubraum und leistet ohne Kompressor 150, mit Kompressor 200 PS. Diese Automobile werden, genauso wie der neue 7-Liter-Maybach »Zeppelin« Typ DS 7 mit 12 Zylindern, in kleinen Stückzahlen gebaut und sind nur für wenige erschwinglich. Dagegen machen Wagen mit einem Hubraum von zwei bis drei Litern den größten Teil der im Deutschen Reich gekauften Pkw aus. Nach Erkenntnissen des Reichsverbandes des Kraftfahrzeughandels und -gewerbes, der die Absatzmöglichkeiten für Kraftfahrzeuge angesichts der Wirtschaftskrise untersucht, werden diese Wagen vornehmlich von Käufern der Einkommensklassen ab 8000 RM jährlich erworben. Der Reichsverband rechnet damit, dass mit insgesamt 200 000 weiteren Neuwagen in drei Jahren eine Marktsättigung erreicht sein wird.

Nachdem in den vorangegangenen zehn Jahren im Autodesign funktionalistische Gestaltungsprinzipien – geometrische Grundformen und zweckorientierte Ausführung der Karosserien – vorherrschten, treten seit 1930 stromlinienförmige Gestaltungselemente ihren Siegeszug an: Tropfenförmige Kotflügel und Scheinwerfer sind Vorboten eines neuen Designs. Hinter dieser Entwicklung steht nicht nur der Wunsch, die Aerodynamik der Automobile zu verbessern, sondern auch die Erkenntnis, dass die ästhetische Aufmachung des Produktes den Kaufanreiz steigert.