Schule leidet unter Sparzwang

Bildung 1930:

Die Folgen der Weltwirtschaftskrise, die durch den New Yorker Börsenkrach vom 25. Oktober 1929 ausgelöst wurde, machen sich 1930 auch im deutschen Bildungswesen bemerkbar. Die immer schwieriger werdende finanzielle Lage des Reichs, der Länder und der Städte führt zu Einsparungen u. a. beim Lehrpersonal, bei der Unterhaltung und dem Neubau von Schulgebäuden und der Lehrmittelbeschaffung. Zusätzliche Schwierigkeiten bringt das Anwachsen radikaler Jugendverbände mit sich, deren Anhänger oftmals versuchen, ihre Vorstellungen an den Schulen mit Gewalt gegen politisch Andersdenkende durchzusetzen.

Wegen der z. T. hohen Verschuldung wird in den öffentlichen Verwaltungen zunächst in Bereichen wie dem Bildungswesen gespart. Im Haushaltsplan für 1930/31 hat die Reichsregierung nur noch 4,7 Mio. RM für den Schuletat vorgesehen, das sind 800 000 RM weniger als im Vorjahr. Vor allem in den Großstadtschulen verschlechtern sich die Unterrichtsbedingungen durch die Einsparungspolitik dramatisch; so protestiert die Berliner Lehrerschaft am 15. Januar 1930 in einem öffentlichen Aufruf gegen den Sparbeschluss des Magistrats für das Schulwesen; u. a. sehen die Pläne der Berliner Verwaltung vor:

  • Schließung zahlreicher kleinerer Schulen und die Zusammenfassung der Schüler in zentral gelegenen Lehranstalten
  • Entlassung von 387 Lehrern
  • Erhöhung der Schülerzahl in den unteren Klassen der höheren Schulen auf 50 Kinder pro Klasse
  • Rigorose Einschränkungen bei der Lehrmittelbeschaffung.

Die Schulen haben jedoch nicht nur mit wachsenden finanziellen und personellen Problemen zu kämpfen, besorgt beobachten Lehrer und Schulleiter die zunehmenden politischen Aktivitäten rechts- und linksradikaler Jugendorganisationen an den Schulen.

Schülerverbände, wie z. B. die nationalsozialistische Jugendorganisation »Adler und Falke«, bieten den Jugendlichen ein umfassendes Freizeitangebot, u. a. Zeltlager und Wanderungen. Im Rahmen dieser Aktivitäten werden den Schülern dann die politischen Ziele der Gruppierungen nahegebracht. Das Gefühl, einer verschworenen Gemeinschaft anzugehören, bewirkt, dass viele Jugendliche bereit sind, sich innerhalb der Organisation unterzuordnen und den klaren, einfachen Parteiparolen bedingungslos zu folgen.

In Thüringen führt der Versuch eines Weimarer Schulleiters, seinen Schülern den Beitritt in den rechtsgerichteten Jugendbund »Adler und Falke« zu verbieten, zum Konflikt mit dem nationalsozialistischen Bildungs- und Innenminister Wilhelm Frick. Frick unterstützt die antidemokratischen Schülerbünde, die ihren Überzeugungen an den Schulen oftmals mit Gewalt Nachdruck verleihen, indem sie mit Gummiknüppeln und Schlagstöcken gegen politisch Andersgesinnte vorgehen.

Der Berliner Oberstudiendirektor Paul Hildebrandt greift dieses Problem am 29. Januar in der »Vossischen Zeitung« auf und schildert die Ziele der konkurrierenden rechts- und linksextremistischen Jugendverbände: »Beide Parteien – so kann man ja wohl bei dem engen Anschluß an die Fraktionen sagen – verfolgen ein und denselben Zweck: Die Diskreditierung des Staates; sie wollen die Jugend davon überzeugen, daß sämtliche Einrichtungen dieser Republik, namentlich die Schule, aber auch die Parteien, die wirtschaftliche Ordnung, die Beamtenschaft, kurz alle Lebensäußerungen des Staates bis ins Letzte hinein >verdreckt< … sind.«

Um ein weiteres Anwachsen der Anhängerschaft der radikalen Organisationen zu verhindern, schlägt er ebenso wie der Deutsche Lehrerverband eine intensivere politische Aufklärung der Schüler im Unterricht vor. Hildebrandt ergänzt diese Empfehlung durch den Rat, an den Schulen eine Schülerselbstverwaltung einzurichten und damit der Jugend die Möglichkeit zu geben, sich im eigenen »Schulstaat«, dem sie angehören, als verantwortliche »Politiker« zu betätigen. Nur durch die politische Praxis im eigenen Alltag werden sie, so Hildebrandt, Demokratie lernen.