Einfache Bauten sollen mehr billigen Wohnraum schaffen

Wohnen und Design 1932:

Der staatlich geförderte Wohnungsbau ist im Deutschen Reich während der Wirtschaftskrise stark eingeschränkt worden. Der großstädtische Siedlungsbau, der in den vergangenen Jahren mit Hilfe neuer technischer Erkenntnisse von Architekten und Städteplanern wie Walter Gropius, Bruno Taut und Le Corbusier vorangetrieben worden war, kommt 1932 weitgehend zum Erliegen.

Billiger Wohnraum ist außerordentlich knapp. Vor allem das Heer der Arbeitslosen ist nicht in der Lage, teure Mieten zu bezahlen. Um den Arbeitslosen eine preiswerte Wohnmöglichkeit zu geben, entwickeln Architekten einfach ausgestattete Häuser. Der Berliner Stadtbaurat Martin Wagner konstruiert ein »wachsendes Haus«, das beliebig erweitert werden kann. Auf dieser Idee basiert auch ein von dem Architekten Otto Bartning entwickeltes Haus aus Fertigteilen.

Im Bereich Design setzt sich weltweit die Stromlinienform durch. Ein Pionier dieser funktionalistischen Formgestaltung ist der österreichische Flugzeugingenieur und Aerodynamiker Paul Jaray. Immer noch Maßstäbe setzt das Bauhaus, dessen Vorstellungen von Design weltweit starken Einfluss ausüben. Die am Zweck des gestalteten Produktes orientierte Formgebung wie z. B. bei den von Marcel Breuer entworfenen Stahlrohr-Stühlen und Tischen aus Glas und Gummi mit Stahlrahmen gelten als beispielhaft. Im Deutschen Reich stößt das Bauhaus jedoch auf immer größere Ablehnung. Die Nationalsozialisten, 1932 stärkste politische Kraft, bezeichnen das funktionale Bauhaus-Design als elitär. Sie fordern eine ideologisch orientierte Geschmackserziehung, eine »völkische Kultur«. Am 30. September muss das Bauhaus auf Druck des Stadtrates von Dessau, in dem die NSDAP die Mehrheit hat, nach Berlin umziehen.

Ein Musterbeispiel einer gelungenen »volkstümlichen« Formgebung wird 1932 gestaltet: Walter Maria Kersting entwirft den Prototyp eines preiswerten Radios, das als »Volksempfänger« für jedermann erschwinglich sein soll.