Massenarbeitslosigkeit, sinkende Löhne, wachsendes Elend

Arbeit und Soziales 1932:

Im Februar 1932 werden im Deutschen Reich mehr als sechs Millionen Arbeitslose gezählt. Mit einer Quote von rund 44% der erwerbsfähigen Bevölkerung hat damit Deutschland im internationalen Vergleich den weltweit höchsten Prozentsatz an Arbeitslosen. Die wirtschaftliche Lage des Reiches ist katastrophal: Die Industrieproduktion beträgt nur noch 57,2% des Standes von 1928; die Ausfuhren sind drastisch zurückgegangen. Die Einkommen der Lohn- und Gehaltsempfänger wie auch der Unternehmer reduzieren sich gegenüber 1928 um nahezu 40%.

Die Reichsregierung unter Kanzler Heinrich Brüning hatte vergeblich versucht, die Wirtschaftskrise durch eine rigorose Sparpolitik zu überwinden. Staatlich verordnete Lohnsenkungen und Preisstopps sollten die Geldumlaufmenge verknappen. Tarifverträge wurden außer Kraft gesetzt, Sparmaßnahmen bei Sozialversicherung und Fürsorge angeordnet. Zur Preisüberwachung wurde ein Reichskommissar eingesetzt. Diese deflationistische Wirtschaftspolitik wird von den führenden Nationalökonomen in Deutschland als richtig angesehen. Die Gewerkschaften halten jedoch diese Maßnahmen für ein untaugliches Mittel zur Bekämpfung der Depression. Sie fordern die Verstaatlichung von Banken und Großindustrie sowie die Schaffung von Arbeitsbeschaffungsprogrammen, die jedoch angesichts der leeren öffentlichen Kassen nicht finanzierbar sind.

Nach dem Rücktritt Brünings setzen auch die Regierungen unter Franz von Papen und unter Kurt von Schleicher die Deflationspolitik fort. Sie beschließen zwar eine Reihe von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, deren Umfang entspricht dem Ausmaß der Krise jedoch nicht.

Dennoch ist im Sommer 1932 ein leichter wirtschaftlicher Aufwärtstrend zu verzeichnen. Die Krise scheint die Talsohle durchschritten zu haben. So sinkt die Zahl der Dauerarbeitslosen von rund 3,8 Millionen auf rund 3,3 Millionen. Trotzdem bleibt die Lage weiter Bevölkerungsschichten hoffnungslos: Um wenigstens die jugendlichen Erwerbslosen von der Straße zu bekommen, wird der freiwillige Arbeitsdienst ausgebaut. Für einen Tageslohn von 2 RM sollen erwerbslose Jugendliche öffentliche Arbeiten ausführen. Dadurch hofft die Regierung, rund 100 000 Arbeitslosen eine Beschäftigung zu bieten. Diese Maßnahme ist jedoch nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Die Arbeitnehmer müssen sich mit immer niedrigeren Einkommen begnügen. Vor der Wirtschaftskrise hatten Arbeiter der Eisen- und Stahlindustrie sowie des Bergbaus an Rhein, Ruhr, der Saar und in Oberschlesien zu den Spitzenverdienern gehört. Der durchschnittliche Stundenlohn dieser Berufsgruppen betrug 1929 rund 1 RM. 1932 erhält ein Stahlarbeiter nur noch 0,85 RM in der Stunde. Die Lebenshaltungskosten sind 1932 durch die staatlich verordneten Preisstopps nicht höher als die der Vorjahre. Bei Preisen von 1,40 RM für ein Pfund Ochsenfleisch und 0,80 RM für ein Pfund Speck ist es dennoch für einen Durchschnittsverdiener außerordentlich schwer, seine Familie zu ernähren. Auch die Landwirte – viele haben in den Jahren vor der Wirtschaftskrise kostspielige Maschinen angeschafft – bleiben von den Auswirkungen der Krise nicht verschont. Die Höfe sind überschuldet, Kredite können nicht zurückgezahlt werden. Die Einkommen der Landwirte sind durch die fallenden Preise stetig gesunken, obwohl die Reichsregierung versucht, den deutschen Agrarmarkt gegen Einflüsse des Weltmarktes abzuschirmen. Die Verkaufserlöse der Landwirtschaft liegen um fast 40% unter denen des Jahres 1928. Zahllose Konkurse sind die Folge.

Unter der Wirtschaftskrise leiden die Arbeitslosen am meisten. Die Arbeitslosenunterstützung reicht besonders für kinderreiche Familien kaum zum Leben. Sie erhalten durchschnittlich im Monat vom Staat und von den Gemeinden rund 54 RM Unterstützung. Nach einer statistischen Erhebung vom November 1931 benötigt eine vierköpfige Familie jedoch mindestens 66 RM monatlich. Diese Summe muss allein schon für den Kauf eines Herrenanzugs aufgewendet wer den. Auch die Miete belastet das Haushaltsbudget schwer: Für eine Einzimmerwohnung in einem Arbeiterbezirk werden 27 RM pro Monat verlangt; eine Zweizimmerwohnung mit Bad und Warmwasser in besseren Lagen kostet monatlich 50 RM.

Die Höhe der Arbeitslosenunterstützung richtet sich nach der Dauer der Erwerbslosigkeit. Diese Regelung trifft besonders die Dauerarbeitslosen hart: Sie erhalten lediglich einen geringen Sozialhilfesatz. So müssen im Winter 1931/32 bei einem Stand von rund sechs Millionen Erwerbslosen etwa 3,5 Millionen Dauerarbeitslose von den Gemeinden unterstützt werden. Die Betroffenen sind zunehmend auf Nachbarschaftshilfe angewiesen. Wohltätigkeitsverbände organisieren Hilfe durch Sammlungen; vor allem für Kinder werden Speisen ausgegeben; Staat und Verbände schaffen in Fabrikhallen und öffentlichen Gebäuden primitive Schlafstellen für Obdachlose.

Staat und Gemeinden sehen sich außerstande, die Unterstützungszahlungen an Arbeitslose zu erhöhen. Die öffentlichen Kassen sind leer. Rund 12,5 Milliarden RM werden 1932 für Arbeitslosengeld und Sozialhilfe aufgewendet, das sind etwa 65% der gesamten öffentlichen Ausgaben.

Fast schon an der Tagesordnung sind Tumulte vor den Arbeitsämtern. Durch Hunger und stundenlanges Warten geschwächte Unterstützungsempfänger brechen zusammen; Beamte – deren Gehälter wurden ebenfalls gekürzt – werden bedroht und sogar zusammengeschlagen. Um die demoralisierende Wirkung der Zustände aufzufangen, greifen die Behörden zu Maßnahmen, die die Hilflosigkeit deutlich machen; so lässt der Berliner Magistrat in den Arbeitsämtern Bänke und Tische zum Kartenspielen aufstellen.

In ihrer Verzweiflung wenden sich immer mehr Menschen von der Demokratie ab. Die katastrophale wirtschaftliche Lage macht die Menschen in Deutschland besonders empfänglich für radikale Parolen. Vor allem die Nationalsozialisten, die mit großen Versprechungen um die Stimmen der Wähler werben, haben einen enormen Zulauf und werden 1932 zur stärksten politischen Kraft im Deutschen Reich.