Rechtsruck an Hochschulen

Bildung 1932:

Das Bildungswesen des Deutschen Reiches ist im Jahr 1932 von einer wachsenden Politisierung der Schüler- und Studentenschaft gekennzeichnet. Jugendverbände der Rechtsparteien wie der Nationalsozialistische Deutsche Studentenbund (NSDStB) verzeichnen steigende Mitgliederzahlen und gewinnen an Einfluss. An den deutschen Hochschulen kommt es wiederholt zu gewalttätigen Krawallen. Mehrere Universitäten müssen deshalb für mehrere Tage den Lehrbetrieb einstellen.

Der NSDStB unter der Leitung von Baldur von Schirach verfügt in den Studentenparlamenten der fünf führenden deutschen Hochschulen über die Mehrheit der Sitze. Die Studentenorganisationen der bürgerlichen und linken Parteien besitzen nur noch wenig Rückhalt unter den rund 138 000 an Universitäten und Hochschulen immatrikulierten Studenten. Dies liegt auch in der Herkunft der Studenten begründet: Nur rund 5,9% der Studierenden stammen aus den unteren Schichten, davon nur 3,2% aus dem Arbeiterstand. Die traditionelle Anhängerschaft der Linksparteien ist kaum in der deutschen Studentenschaft vertreten.

Diese Zahlen machen auch das Scheitern der Bemühungen der Weimarer Republik deutlich, das Bildungswesen im Deutschen Reich zu demokratisieren und Chancengleichheit für alle zu schaffen. 1920 war die einheitliche vierklassige Grundschule eingeführt worden. Danach wechseln die Schüler in die Volksschule, Mittelschule oder in eine weiterführende Schule wie das Gymnasium. Aus wirtschaftlichen Gründen besuchen jedoch meist nur Kinder aus begüterten Familien das Gymnasium, nur rund 4% kommen aus dem Arbeiterstand. Rund 85% aller Kinder absolvieren lediglich die Volksschule, die in einigen Ländern des Deutschen Reiches nur bis zum siebten Schuljahr besucht werden muss.

Neben den staatlichen Schulen existieren im Deutschen Reich mehrere von privaten und politischen Organisationen getragene Schulen, die reformpädagogische Ziele verfolgen. Die Lebensgemeinschaftsschulen, die anthroposophischen Waldorfschulen und verschiedene sozialistische Schulen bemühen sich, die schöpferischen und praktischen Fähigkeiten der Kinder ohne Rücksicht auf deren Herkunft zu fördern. Obgleich die amtlichen Richtlinien über den Lehrplan bindend sind, unterscheidet sich die Vermittlung des Lehrstoffes in den reformpädagogischen Schulen deutlich von dem der staatlichen Schulen. In zahlreichen Arbeitsgemeinschaften können die Kinder – in kleinen Gruppen – ihren individuellen Neigungen nachgehen. Dabei sollen »Hand- und Kopfarbeit« verbunden werden.

Um die Weiterbildung von Erwachsenen bemühen sich die Volkshochschulen. Diese Bildungseinrichtung, die Mitte des 19. Jahrhunderts auf Anregung des Theologen Nicolai Frederik Severin Grundtvig in Dänemark entwickelt worden war, erfreut sich eines regen Zuspruchs. Um ein einheitliches Lehrangebot und einen hohen Ausbildungsstandard zu gewährleisten, beaufsichtigt der 1928 gegründete »Reichsverband der deutschen Volkshochschulen« die zahlreichen, von Arbeitervereinen, Kirchen oder Gemeinden getragenen Bildungsstätten. In den hier angebotenen Lehrveranstaltungen, die aus Rücksicht auf die arbeitende Bevölkerung vorwiegend abends abgehalten werden, können Lernwillige gegen ein geringes Entgelt ihr Wissen erweitern.