Weniger Reisen in die Ferne

Urlaub und Freizeit 1932:

Die schwierige wirtschaftliche Lage hat weltweit den Tourismus gebremst. Nur noch wenige können sich eine kostspielige Urlaubsreise leisten. Die in den vergangenen Jahren erkennbaren Ansätze zu einem Massentourismus – in Deutschland hatten die SPD und Gewerkschaften ihren Mitgliedern preiswerte Reisen angeboten – sind gestoppt. Selbst ein Urlaub in den deutschen Nord- und Ostseebädern, den beliebtesten Reisezielen der Deutschen, ist für viele unerschwinglich. Eine preiswerte Alternative bietet ein Wanderurlaub, der immer beliebter wird. Vor allem in den deutschen Mittelgebirgen marschieren in den Sommermonaten Tausende von naturverbundenen Menschen – bepackt mit Rucksack und Zelt – durch die Wälder und erfreuen sich an der Landschaft.

Wem das Geld auch für einen solchen Urlaub fehlt oder wer an körperlicher Betätigung keine Freude hat, verbringt seine Ferien zu Hause und beschränkt sich auf Ausflüge in die nähere Umgebung. An schönen Wochenenden sind die Erholungsgebiete der großen Ballungszentren allerdings hoffnungslos überfüllt. So fahren die Berliner mit »Kind und Kegel« an den Großen Wannsee, besuchen das Strandbad oder gehen in eines der zahlreichen Ausflugslokale.

Bei den zahlungskräftigen Bevölkerungsschichten steht jedoch ein Auslandsurlaub weiterhin hoch im Kurs. Besserverdienende zieht es in den Sommermonaten vor allem in die französischen Badeorte wie Biarritz oder Antibes. Steigender Beliebtheit erfreuen sich auch die italienischen Reiseziele: In San Remo, Riccione und Rimini treffen sich im Juli und August Erholungssuchende aus ganz Europa. Sowohl im Sommer als auch im Winter sind die mondänen schweizerischen Urlaubsorte überlaufen. Trotz hoher Preise ist das Hotelgewerbe in Orten wie St. Moritz, Ascona oder Montreux auch 1932 mit den Besucherzahlen hochzufrieden.

Wie schon in den vergangenen Jahren ist eine Reise in die USA ein Traum vieler Menschen. Vor allem die deutschen und italienischen Reedereien bieten ihren Passagieren auf der rund fünf Tage dauernden Überfahrt einen Komfort, der den Vergleich mit einem Luxushotel an Land nicht zu scheuen braucht. Allerdings ist diese Bequemlichkeit trotz drastischer Senkungen der Fahrpreise für viele unerschwinglich: Ein Ticket kostet 500 RM in der Touristenklasse und 870 RM in der ersten Klasse. Der durchschnittliche Monatslohn eines deutschen Facharbeiters liegt bei rund 200 RM.

Ein schweres Hemmnis für den internationalen Reiseverkehr sind die in den meisten europäischen Ländern geltenden Devisenverordnungen. So hat z. B. die deutsche Reichsregierung am 2. Mai verfügt, dass Reisende nur noch 200 RM ausführen dürfen. Dieser Betrag reicht jedoch auch bei einer sparsamen Urlaubsgestaltung nur für einen Kurzaufenthalt. Um wenigstens den Reiseverkehr im deutschsprachigen Raum nicht völlig zum Erliegen zu bringen, wird allerdings im Laufe des Jahres der Freibetrag nach Absprache mit der schweizerischen und österreichischen Regierung erhöht.