Rassisch begründete Erziehung statt Alleswisser-Bildung

Bildung 1934:

Im nationalsozialistischen Deutschen Reich erfährt der Begriff Bildung eine neue Auslegung. Der gebildete Mensch soll nicht »Viel- oder Alleswisser« sein, er darf überhaupt nicht nur Wissender und Denkender sein, sondern muss zugleich »Fühlender und Schauender, Wollender und Könnender« sein. Nationalsozialistische Bildung will den Gesamtmenschen erfassen, doch wird das Wort »Bildung« im Allgemeinen vermieden, da ihm der NS-Ideologie zufolge eine einseitige verstandesmäßige Ausrichtung anhaftet. An die Stelle von »Bildung« tritt »Erziehung«.

Das Bildungsziel der nationalsozialistischen Führung ist, scharf abgegrenzt vom Universalmensch der Renaissance oder dem als »harmonistisch« bezeichneten Menschenideal des Idealismus, die Herausbildung des rassisch einwandfrei geborenen deutschen Menschen mit allen seinen Fähigkeiten und Kräften zur voll entwickelten willensstarken und charakterfesten Persönlichkeit im Rahmen der Volksgemeinschaft. Diese Bildung soll durch völkische Erziehung verwirklicht werden. Nicht Wissen allein, nicht die im Verlauf eines Studiums erworbenen Kenntnisse gelten als ausschlaggebend, sondern die Kraft, Vorbild zu sein. Die starke Persönlichkeit soll typenbildend wirken: »Typus ist die zeitgebundene plastische Form eines ewigen rassischseelischen Gehaltes. Ein Lebensgebot, kein mechanisches Gesetz«, formuliert NS-Chefideologe Alfred Rosenberg. »Das Erleben des Typus aber, das ist die Geburt der nordischen Rassenseele und das innerliche Anerkennen ihrer Höchstwerte als des Leitsterns unseres gesamten Daseins … Alle Kräfte, welche unsere Seelen formten, hatten ihren Ursprung in großen Persönlichkeiten. Sie wirkten zielsetzend als Denker, typenbildend als Staatsmänner, wesenenthüllend als Dichter.«

Nationalsozialistische Erziehung wurzelt, so will es die NS-Führung, im biologischen Denken, richtet sich nationalpolitisch aus und fließt im »Dreiklang« von Geist, Seele und Leib zusammen. Körperliche Ertüchtigung, Rassesinn und Rassegefühl, soldatische Zucht, Mannesmut, Kameradschaftsgeist, Verantwortungsfreudigkeit, Willens- und Entschlusskraft, Verschwiegenheit, Opferwilligkeit, Treue, Ehre und andere »rassisch begründete und volkhaft gebundene Charakterwerte« zählen zu den Idealen nationalsozialistischer Erziehung. Sie gelten als Tugenden, »wie sie zutiefst im germanischen Wesen schlummern und sorgfältig hochgezüchtet werden müssen« (Rosenberg).

Die tragenden Säulen der Erziehung, die in allen Lebensbereichen von Geburt an wirksam ist, sind:

  • Die Familie als »Keimzelle des Volkes« und »Grundlage des Staates« ist die erste »organische Erziehungsstätte« der heranwachsenden Jugend. Durch seine Bevölkerungspolitik fördert der NS-Staat die »erbgesunde«, kinderreiche, nach NS-Prinzipien lebende »Voll-Familie« (im Gegensatz zur »erbkranken, asozialen Groß-Familie«). Damit dem Staat nicht die Kontrolle über diesen Lebensbereich entgleitet, gibt es seit Juni nur noch einen »Familientag«, den Sonntag.
  • Der Staat sorgt mit seinem gegliederten Schul- und Bildungssystem für die allgemeine und die Berufserziehung, wobei das Lager und die Gemeinschaft einen immer stärkeren Anteil an der staatlichen Erziehung gewinnen: Der Sonnabend wurde zum Staatsjugendtag der Hitlerjugend erklärt; beim staatlichen Landjahr, das 1934 eingeführt wird, werden schulentlassene männliche und weibliche Jugendliche in Lagern und im bäuerlichen Betrieb weltanschaulich und arbeitspraktisch geschult; aufgebaut wird das System der Nationalpolitischen Erziehungsanstalten (Napola), in denen Jungen und Mädchen im nationalsozialistischen Bewusstsein erzogen werden; der Erziehungsplan verlangt z. B. von den »Jungmannen« (vom zehnten bis zum 18. Lebensjahr) neben geistiger und körperlicher Ausbildung Reiten, Fechten, Boxen, Kraftfahren, Geländeübungen, kunsthandwerkliche Tätigkeit, In- und Auslandsfahrten, Dienst beim Bauern und in der Industrie, selbstständige Führungsleistungen, Einfügung in Lebensgemeinschaften usw.
  • Die Gemeinschaftsbünde, z. B. die SA, die SS, die Hitlerjugend HJ, der Bund Deutscher Mädel BDM, der Arbeitsdienst und die Wehrmacht.