Auch Kleinwagen Luxusartikel

Auto und Verkehr 1935:

In allen Industrieländern nimmt die Motorisierung, besonders im privaten Bereich, weiterhin rasant zu. Nirgends allerdings dominiert das Automobil die wirtschaftliche Entwicklung und das Bild der Städte so stark wie in den USA. In Städten wie Chicago und Detroit beginnt man Mitte der 30er Jahre, die Konsequenzen aus der enorm gewachsenen Verkehrsdichte zu ziehen: Hochstraßen auf Stahlträgern werden gebaut – bald unverzichtbares »Markenzeichen« amerikanischen Großstadtverkehrs. In Europa spielt Frankreich die führende Rolle im Automobilbau. Während das Land insgesamt gesehen industriell weniger entwickelt ist als etwa das Deutsche Reich, hat es doch den höchsten Pro-Kopf-Bestand an Pkws in Europa zu verzeichnen. Die beiden marktbeherrschenden Automobilunternehmen, Citroën und Renault, haben sich durch die frühzeitige Übernahme moderner amerikanischer Produktions- und Vertriebsmethoden einen Spitzenplatz in der »alten Welt« gesichert: Zwischen 1920 und 1940 stellt Citroën allein 40% aller in Europa zugelassenen Automobile her. Den Versuch, mit einem Montagewerk in Köln auch im Deutschen Reich Fuß zu fassen, muss der Konzern 1935 allerdings wieder aufgeben: Zu stark wird die Produktion durch die deutsche Devisenbewirtschaftung behindert, die die Lieferung von Teilen aus Frankreich verlangsamt und einschränkt.

Sowohl die Automobilproduktion als auch die Neuzulassungen verzeichnen 1935 im Deutschen Reich einen kräftigen Aufschwung. Gegenüber dem Jahr 1931 werden mehr als viermal so viele Pkws zugelassen, wobei Opel den deutschen Markt mit einem Anteil von fast 43% klar beherrscht. Deutlich dahinter folgen DKW, Adler und Mercedes-Benz. Das rapide Wachstum der Autoindustrie hängt nicht zuletzt mit einer gezielten Förderung durch die nationalsozialistische Regierung zusammen, die 1933 die Steuerfreiheit für Neuwagen einführte. Weitere Steuern und Gebühren sind seitdem als Anreiz zum Autokauf gesenkt worden. Hitler selbst leitete mit seiner Forderung nach einem allgemein erschwinglichen Automobil, das weniger als 1000 RM kosten soll, die Entwicklung des »Volkswagens« durch Ferdinand Porsche ein. 1935 existiert allerdings erst eine Versuchsserie dieses Wagens. Die Politik der »Motorisierung« der deutschen Bevölkerung flankiert den wirtschaftlich, strategisch und propagandistisch wichtigen Autobahnbau.

Dennoch bleibt das Auto in Europa eine Luxusartikel, den sich die breite Masse nicht leisten kann. Das trifft nicht nur auf die technisch und ausstattungsmäßig oft verschwenderisch gestalteten Wagen der Mittel- und Oberklasse zu. Auch kleinere Modelle, für die Mitte der 30er Jahre ein regelrechter Boom anbricht, überfordern den Geldbeutel des Durchschnittsbürgers. So muss ein deutscher Facharbeiter für den vergleichsweise preiswerten Opel Olympia, der 1935 auf den Markt kommt, mit 2500 RM rund 18 Monatsgehälter bezahlen. Noch wesentlich teurer sind die erfolgreichen Kleinwagen von Fiat. Ein Merkmal des Luxusgegenstandes Automobil wird mit der wachsenden Kleinwagenproduktion zur Randerscheinung: Immer seltener wird die Karosserie von Spezialfirmen angefertigt.