Bindung an den NS-Staat wird oberstes Erziehungsziel

Bildung 1935:

In der nationalsozialistischen Ideologie wird der Begriff »Bildung« im humanistischen Sinn von Persönlichkeitsentfaltung durch Aneignung von Wissen und Kenntnissen abgelehnt. Stattdessen benutzen die NS-Politiker den Terminus »Erziehung« für ihre Absicht, Bildung und Ausbildung an den Zielen des nationalsozialistischen Staates auszurichten. So heißt es in dem 1935 erschienenen Buch »Deutsche Erziehung im Werden« des Pädagogen Karl Friedrich Sturm programmatisch: »Schließlich ist der totale, organische Staat, nach seiner Wirkung auf die Staatsglieder betrachtet, Erziehungsstaat. Durch sein ganzes Sein und Leben, durch seine Gliederung, seine Funktionen und seine Institutionen formt er alles, was in ihm lebt und wächst, gemäß seinen Normen und zu seinen Zielen«. Dementsprechend steht die Formung des »nationalsozialistischen Menschen« im Mittelpunkt der Bildungsbemühungen.

Die Umsetzung dieses Anspruches geschieht durch Eingriffe in die traditionellen Bildungsinstitutionen, d. h. vor allem die Schulen, und durch die Etablierung von der NSDAP unterstellten Einrichtungen wie der Hitlerjugend (HJ), dem NS-Schülerbund oder dem Bund Deutscher Mädel (BDM).

Die schulpolitische Propaganda stand nach 1933 im Zeichen staatlicher Zentralisierung. Sie wurde formal erreicht, nachdem 1934 die Kulturhoheit der Länder auf das Reichserziehungsministerium übergegangen war, das seitdem oberste Schulbehörde ist.

Im Jahr 1935 startet eine neue Kampagne der NSDAP und des »nationalsozialistischen Lehrerbundes« für eine konfessionsungebundene Einheitsschule. Bislang sind besonders die Volksschulen noch weitgehend konfessionell gegliedert. Im Sinne der »Vereinheitlichung« bekämpft die NS-Erziehungspolitik nicht nur die Konfessions-, sondern auch die Privatschulen. So werden 1935 im ganzen Reich die anthroposophisch orientierten Schulen des Philosophen Rudolf Steiner wegen ihrer »individualistischen« Zielsetzung verboten.

Neben der formalen Zentralisierung des Schulsystems werden auch die Bildungsinhalte modifiziert. So steigt etwa die Bedeutung der körperlichen Erziehung zum Zweck der »Wehrhaftmachung«. Mit dem »Amt K« bekommt dieser Bereich im Erziehungsministerium sogar eine eigene Abteilung. Der Ministerialerlass über »Vererbungslehre und Rassenkunde in den Schulen« von 1933, dessen Gültigkeit 1935 von Preußen auf das gesamte Reich ausgedehnt wird, markiert eine andere wichtige Veränderung in punkto Lernziele: Der Erlass schreibt die »Rassenkunde« als Unterrichtsfach an Schulen verbindlich vor.

Immer größere Bedeutung gewinnen die außerhalb der Schulausbildung aufgebauten Erziehungsinstitutionen des NS-Staates. Dazu zählen nationalsozialistische Eliteschulen, die HJ oder der ab 1935 obligatorische halbjährige »Reichsarbeitsdienst«. Er umfasst neben dem Arbeitseinsatz auch politische Schulung. Gerade die nationalsozialistische Wertschätzung des Lagers als eines Ortes, wo z. B. im Rahmen der HJ Freizeit verbracht oder Erziehung betrieben wird, spiegelt das NS-Bildungskonzept wider: Flaggenhissen, Sprechchöre und Standarten sind Symbole, mit deren Hilfe eine emotionale Bindung an das Regime zustande kommen soll, während Analyse und Reflexion als Methoden der Erkenntnis nicht gefragt sind.

Den Universitäten begegnete die NS-Regierung nach der Machtübernahme 1933 mit besonderem Misstrauen. Bis 1938 werden rund 45% aller beamteten wissenschaftlichen Stellen neu besetzt. Das nationalsozialistische Erkenntnisinteresse umriss der bayerische Kultusminister Hans Schemm in einer Rede vor Münchner Professoren 1933 so: »Von jetzt ab kommt es für Sie nicht darauf an, festzustellen, ob etwas wahr ist, sondern ob es im Sinne der nationalsozialistischen Revolution ist.« Um eine NS-gemäße Wissenschaft zu gewährleisten, werden neue Lehrstühle – etwa für Rassenkunde und politische Pädagogik – und eigene Institute geschaffen. Dazu gehört das 1935 eingeweihte »Reichsinstitut für Geschichte des neuen Deutschland«. Wegen des NS-Postulats einer »rassisch integeren« Forschung drohen ehemals renommierte Fachbereiche in die Provinzialität zu versinken. Ein 1935 aktuelles Beispiel ist die theoretische Physik, die von Befürwortern einer »arischen Physik« als Disziplin rigoros abgelehnt wird.