Bodenständigkeit in der guten Stube

Wohnen und Design 1935:

Wohnungsmöbel und Küchenausstattung sollen im Sinne der nationalsozialistischen Weltanschauung »zweckbestimmt« und »ohne täuschenden Prunk« sein. Die ästhetischen Kategorien des Nationalsozialismus sind nach der Machtübernahme 1933 den bereits existierenden Strömungen industrieller Gestaltung übergestülpt worden, ohne dass sich ein eigenständiges »NS-Design« entwickelt hätte. Das zeigt sich besonders in der Wertschätzung einfacher, funktionaler Formen, die in den 20er Jahren unter dem Begriff »Neue Sachlichkeit« modern geworden waren. Während diese Richtung von der NS-Propaganda einerseits als »Kulturbolschewismus« gebrandmarkt wird, lobt sie andererseits ähnlich funktionale Gebrauchsformen, die unter eigener Ägide entstanden sind, als dem »bodenständigen Formgefühl des Volkes« entsprungen. Das in die Deutsche Arbeitsfront (DAF) eingegliederte Amt »Schönheit der Arbeit« bedient sich für den Entwurf standardisierter Essgeschirre und normierter Einfachmöbel der Hilfe von ehemaligen Mitgliedern des 1933 aufgelösten Verbandes »Deutscher Werkbund«. Diese Vereinigung, der u. a. Architekten, Künstler und Vertreter der Industrie angehörten, stand während der Weimarer Republik für ein zweckorientiertes Industriedesign. Neben dem Fehlen neuer Ideen und Stile spielen auch wirtschaftliche Gründe eine Rolle bei der Betonung von Schlichtheit und Funktionalität. Entsprechend gestaltete Gebrauchsgegenstände wie der »Volksempfänger« sind am billigsten herzustellen.

Viele deutsche Haushalte beharren auf traditionell-kleinbürgerlichen Wohnungseinrichtungen, die in ihrem Stilgemisch und ihrer subjektiven Gemütlichkeit nicht viel mit der offiziell verordneten Zweckgebundenheit gemein haben. Auch die Amtsräume der nationalsozialistischen Prominenz zeugen von einem eklatanten Gegensatz zwischen Anspruch und Realität: Hier herrschen oft Monumentalität und barocker Prunk vor.