»Ernährungsschlacht« beschert bescheiden gedeckten Tisch

Ernährung, Essen und Trinken 1935:

Trotz Wirtschaftsaufschwung steht die Versorgung der deutschen Bevölkerung mit Lebensmitteln im Zeichen drastischer Engpässe. Insbesondere Butter, Schmalz, Eier und Fleisch sind schlecht oder nur sehr teuer zu bekommen. Um für die Aufrüstung der Wehrmacht Devisen zu sparen, verfügt die Reichsregierung Importkürzungen bei Konsumgütern und besonders stark bei Nahrungsmitteln. So werden in den ersten acht Monaten des Jahres 1935 nur noch 2220 statt, wie im gleichen Zeitraum des Vorjahres, 34 062 Schweine eingeführt. Der Import von frischem Schweinefleisch sinkt von 58 001 auf 8400. Die nationalsozialistische Regierung bemüht sich, den Verbrauch der Bevölkerung von knapp gehaltenen und relativ hochwertigen Lebensmitteln auf reichliche und eher minderwertige Nahrung umzustellen. So wird der Kauf von Fisch anstelle von Fleisch und von Marmelade statt Fett propagiert. Als Resultat dieser Politik, die durch die Verfügbarkeit und den Preis der entsprechenden Lebensmittel unterstützt wird, steigt der Konsum von Marmelade und Fisch an.

Gleichzeitig werden Herstellung und Verbrauch einheimischer Produkte wie Kartoffeln gegenüber Importgütern gefördert. Die NS-Regierung flankiert diese für die Rüstung notwendigen ökonomischen Maßnahmen mit großangelegten symbolischen Aktionen wie dem jährlichen »Erntedanktag« oder den sog. Eintopfsonntagen. Diese Solidarveranstaltungen dienen dazu, die Bevölkerung auf die schwierige Versorgungslage einzustimmen, die gleichzeitig zum nationalen Opfer für ein höheres Ziel stilisiert wird. Als sei die Landwirtschaft ein Krieg mit anderen Mitteln, ist häufig von der agrarischen »Erzeugungsschlacht« die Rede. Im Vergleich etwa zur britischen Bevölkerung, die mehr Fleisch, Zucker und Eier zu sich nimmt, ernähren sich die Deutschen wesentlich bescheidener: Der Schwerpunkt liegt bei Roggenbrot, Kohl, Kartoffeln und Margarine. Im Vergleich zu den Jahren der Weimarer Republik ist ein sinkender Verbrauch von Obst, Gemüse und Fleisch zu beobachten.

Die Kaufkraft der meisten Deutschen lässt den Konsum bestimmter knapper Nahrungsmittel ohnehin nur sehr eingeschränkt zu. Ein männlicher Facharbeiter muss z. B. für ein halbes Pfund Butter durchschnittlich seinen Bruttostundenlohn von 78 Rpf zahlen, Hilfsarbeiter und Frauen (Bruttostundenlohn 62 bzw. 45 Rpf) sogar noch mehr. Ähnlich unerschwinglich sind Eier, Kaffee oder Speck. Obwohl die Preise vieler Lebensmittel gesetzlich festgelegt sind, kommt es immer wieder zu Überschreitungen, weil die Landwirte mit den Höchstgrenzen unzufrieden sind.