Rasern wird Kampf angesagt

Verkehr 1935:

Die von Führer und Reichskanzler Adolf Hitler angestrebte »Motorisierung der Deutschen«, die durch den Bau eines umfassenden Autobahnnetzes und die Steigerung der Pkw-Produktion gefördert wird, macht 1935 bei einem Anstieg der Verkehrsunfälle die Verkehrssicherheit zu einem der vordringlichsten Themen im Land.

Während 1934 die Zahl der Verkehrstoten 4101 betrug, wächst sie 1935 schon auf 4840. Die Pkw-Produktion steigt im gleichen Zeitraum von 147 000 auf 205 000 .

Zur Eindämmung der Unfälle wird eine Vielzahl neuer Regeln erlassen. Verkehrspolizisten erhalten eine besondere Schulung, die ihnen eine effektivere Kontrolle des Straßenverkehrs und seiner Teilnehmer ermöglichen soll. Verkehrssünder müssen neben verschärften Strafen mit einem »Sonderunterricht« rechnen, der sie ausführlich über die »Reichsstraßenverkehrsordnung« informiert. Zur Verhinderung der häufigen Unfälle an Bahnübergängen werden neue und sichere Doppelschranken eingeführt, die mit zusätzlichen Heulsirenen und Nebelstrahlern ausgestattet sind und auch das fahrlässige Überfahren eines unbeschrankten Bahnüberganges ausschließen sollen.

Der immer stärker werdende Straßenverkehr erfordert auch im Ausland größere Sicherheitsvorkehrungen. In Großbritannien werden erstmals Bedarfsampeln eingerichtet, die der Fußgänger durch Knopfdruck betätigt und die ihm das sichere Überqueren verkehrsreicher Straßen ermöglichen. In fast allen Ländern werden Tempolimits in den Städten eingeführt.

Hohes Verkehrsaufkommen verursacht in den Großstädten oftmals chaotische Zustände. Erste Hochstraßen sorgen für eine Entkrampfung der Situation, der Straßenbau wird verstärkt vorangetrieben.

Unter dem Schlagwort »Safety first« startet die US-amerikanische Polizei in Zusammenarbeit mit der gesamten Presse, den Autokonzernen, Lebensversicherungen und Elternvereinigungen eine umfangreiche Aufklärungs- und Verhütungskampagne zur Bekämpfung der auch in den USA dramatisch angestiegenen Zahl der Verkehrstoten. Allein 1934 starben auf US-amerikanischen Straßen 33 980 Menschen, was im Vergleich zu 1932 einen Anstieg von 23% bedeutet. Neben der rücksichtslosen Anwendung der Verkehrsvorschriften auch bei weniger schweren Vergehen werden drastische Maßnahmen zur Unfallverhütung ergriffen. Zeitschriften veröffentlichen detaillierte Beschreibungen von Unfällen und deren Folgen. Viele Verkehrsrichter lassen Verkehrssünder zur Strafe die Berichte vorlesen, abschreiben und auswendig lernen. Zur Warnung werden stark beschädigte Autos an verkehrsreichen Punkten abgestellt, um die Folgen überhöhter Geschwindigkeit oder technischer Mängel an Fahrzeugen zu dokumentieren. Als Abschreckungsmaßnahme werden manche Verurteilte sogar in Leichenschauhäuser geführt, wo sie die Opfer von Verkehrsunfällen ansehen müssen. Mit umfangreichen Plakataktionen sowie Filmen über Verkehrssicherheit versucht die US-Polizei die Bürger, von denen bereits jeder Vierte im Besitz eines Autos ist, zu umsichtigem und sicherem Fahrverhalten zu bewegen.