Synthetische Stoffe: Das Plastikzeitalter bricht an

Wissenschaft und Technik 1935:

Die Schwerpunkte technischen Fortschritts liegen 1935 auf dem Kunststoffsektor und in der Phonobranche. 1912 hatten deutsche Chemiker ein Patent auf ein Verfahren zur Herstellung von Polyvinylchlorid (PVC) angemeldet. Das neue Synthetikmaterial war aber noch hart und brüchig und für die großindustrielle Produktion ungeeignet. Jetzt findet der deutsche Chemiker G. Wick ein Verfahren, PVC bei Temperaturen über 150° C zu verarbeiten, was die Massenerzeugung des Kunststoffes ermöglicht. Im April wird darüber hinaus ein neuer PVC-Typ durch Einsatz von Weichmachern entwickelt. Dies ist die Grundlage für die Verwendung von PVC als universeller Werkstoff für Rohre, Schläuche, Behälter aller Art, Fußbodenbeläge, Spielzeuge und vieles mehr.

Technisch neu in der Kunststoffindustrie ist die Formgebung durch Spritzgießen. Nach diesem Verfahren lassen sich selbst komplizierte Formteile wirtschaftlich in großen Mengen herstellen. Dafür sind zunächst nur Kunststoffe geeignet, die durch Erwärmen weich werden und beim Abkühlen erhärten. Als völlig neuer Kunststoff macht ein Material des US-amerikanischen Chemikers Wallace Hume Carrothers und seiner Mitarbeiter von sich reden: Das Nylon, das zielstrebig nach sorgfältigen Analysen des molekularen Aufbaus von Naturseide entwickelt wurde. Die großtechnische Erzeugung von Nylon nimmt 1938 der US-Konzern Du Pont de Nemours auf.

Ein zweites Feld umfassender technischer Neuerungen ist der Bereich Rundfunk/Film/Fernsehen. In Deutschland geht 1935 der erste UKW-Sender in Betrieb. Zugleich nimmt in Berlin der erste reguläre, vollelektronisch arbeitende Fernsehsender der Welt seine Tätigkeit auf. Während sich die Filmaufnahmen nur optisch speichern lassen, entwickeln die deutschen Unternehmen AEG und I. G. Farben gemeinsam ein Kunststoffband mit einer magnetisierbaren Eisenoxidbeschichtung für die Magnettonaufzeichnung. Der neue dünne Tonträger ersetzt die seit 1928 gelegentlich verwendeten Stahlbänder.

Für die Übertragung von Fernsehsignalen, vor allem aber für die Fortleitung telefonischer Ferngespräche werden in Deutschland erstmals Koaxialkabel, konzentrisch aufgebaute Doppelleiter, eingesetzt. Der schon 1884 von Sebastian de Ferranti erfundene Kabeltyp kennt keine Energieverluste durch Abstrahlung und gestattet die Übertragung hoher Frequenzen.

Interessant für das breite Kinopublikum wird 1935 ein fünf Jahre zuvor entwickeltes Verfahren: Technicolor. Der erste abendfüllende Spielfilm in Farbe heißt »Becky Sharp« und kommt aus den USA. Aufsehen in der Öffentlichkeit erregt auch ein im Auftrag Adolf Hitlers von dem österreichischen Kraftwagenkonstrukteur Ferdinand Porsche entwickelter neuer Kraftfahrzeugtyp, der »Volkswagen« (VW). War das Automobil bislang ein Luxusgut, so soll es – ähnlich wie der »Volksempfänger« – nunmehr für die breite Bevölkerung erschwinglich werden. Dem VW-Prototyp folgen 1936 die drei ersten Testwagen. Zur Massenproduktion kommt es aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg.

Zwei technische Superlative unterschiedlicher Natur hat die Energiewirtschaft zu verzeichnen. In den USA wird an der Grenze zwischen Nevada und Arizona im Boulder-Canyon der 221 m hohe und 379 m lange Hoover-Staudamm fertiggestellt. Er ist Teil eines Wasserkraftwerks von 1250 Megawatt elektrischer Leistung. Schließlich geht bei Jalta am Schwarzen Meer das erste nennenswerte Windkraftwerk mit 100 kW elektrischer Leistung in Betrieb.