Hitlerjugend konkurriert mit der Schule

Bildung 1936:

Wie in anderen Bereichen des öffentlichen Lebens zeigen sich im deutschen Bildungswesen die typischen Merkmale nationalsozialistischer Machtausübung: Radikale Gleichschaltung und Durchsetzung des Führerprinzips, das Nebeneinander von Staatsapparat und NSDAP, das Fehlen einer einheitlichen Konzeption und das Festhalten an übernommenen Strukturen.

Das dreigliedrige Schulsystem bleibt ebenso wie das duale System der Berufsbildung weitgehend ohne Änderungen bestehen. Die allgemeinen Richtlinien für die Schulen behalten – wenigstens offiziell – ihre Gültigkeit (neue Richtlinien erst ab 1938).

Die Herstellung der nationalsozialistischen Gesinnungsschule wird durch die Beseitigung von Reformschulen (z. B. Sammelschulen) und deren pädagogischen Ansätzen (Verbot der Prügelstrafe, Koedukation u. a.) sowie durch die Entlassung politisch unliebsamer Lehrer und solcher »nichtarischer Abstammung« betrieben.

Nach anfänglicher Zurückhaltung begann die NSDAP im Zug der Gleichschaltung der Kirchen 1935 mit intensiven Propagandaaktionen gegen die Bekenntnisschulen. Seit 1936 werden verstärkt Bekenntnisschulen in paritätische, d. h. nicht konfessionell gebundene Schulen umgewandelt. Ein Erlass des Reichserziehungsministeriums verbietet 1936 die Einteilung von Schulklassen nach Bekenntnissen.

Die deutsche Lehrerschaft hat sich – wenigstens formal – dem neuen Bildungsgeist unterworfen: Weit über 90% der Lehrer gehören 1936 dem Nationalsozialistischen Deutschen Lehrerbund an. Der Anteil überzeugter Nationalsozialisten unter ihnen ist allerdings erheblich geringer. Nur etwa 30% sind Mitglied in der NSDAP.

Allein durch die Gleichschaltung der Institutionen Schule und Hochschule ist Hitlers »Erziehungsstaat« nicht zu verwirklichen. So wurden bereits ab 1933 nationalsozialistische Eliteschulen eingerichtet. Im Jahr 1935 gab es im Deutschen Reich 15 Nationalpolitische Erziehungsanstalten (Napola), am 24. April 1936 werden die drei Ordensburgen der NSDAP eingeweiht (1937 Gründung der Adolf-Hitler-Schulen). Neben Elternhaus und Schule – aus Sicht der NSDAP wenig zuverlässige Erziehungsinstanzen – tritt offiziell am 1. Dezember 1936 die Hitlerjugend (HJ), die per Gesetz zur Staatsjugend deklariert wird: »Die gesamte deutsche Jugend innerhalb des Reichsgebietes ist in der Hitler-Jugend zusammengefaßt«; und in der Tat ist das 1936 annähernd der Fall. Von den rund 672 000 Schülern der höheren Schulen im Deutschen Reich beispielsweise waren 1935 67,9% in der HJ. 1936 liegt der Anteil bereits bei 89,1%.