Rationalismus setzt sich durch

Rationalismus setzt sich durch
Das Palais de Chaillot, von den Jardins du Trocadéro aus gesehen. © Foto Josef Höckner, München

Architektur 1937:

Die Gebäude, die für die Weltausstellung 1937 in Paris von Architekten aus aller Welt errichtet wurden, geben in ihrem unvermittelten Nebeneinander einen guten Einblick in die 1937 herrschenden Bauauffassungen. Vielen Beispielen der modernen Architektur, die vor allem vom Rationalismus geprägt ist, stehen traditionelle, vom Klassizismus beeinflusste Bauten gegenüber, die vereinzelt in monumentaler Protzigkeit erstarrt zu sein scheinen.

Das gegenüber dem Eiffelturm rechtzeitig zur Weltausstellung anstelle des Trocadero-Palastes erbaute Palais de Chaillot belegt ebenso wie das neue Musée d’Art moderne die ungebrochen starke Position konservativer Bauauffassungen, die in Frankreich vor allem von der Pariser École des Beaux-Arts verbreitet werden. Die Vertreter dieses Neoklassizismus stehen in ihrer Anlehnung an die Vorbilder der Antike und des Klassizismus (18. und 19. Jahrhundert) den Vorstellungen von einer neuen sachlichen Architektur gegenüber, wobei sich aber beide Richtungen gegenseitig beeinflussen. So sind die Entwürfe des französischen Architekten Auguste Perret sowohl vom Neoklassizismus als auch vom Rationalismus geprägt (1937: Musée des Travaux Publics in Paris).

Der Rationalismus des 20. Jahrhunderts fordert, dass architektonische Entwurfsprobleme mit der Vernunft gelöst werden. Grundprinzipien sind die Funktionalität, die Ökonomie, die Einbeziehung städtebaulicher Aspekte und die Berücksichtigung politischer und sozialer Anforderungen, die zu einer besseren Lebensqualität in der architektonischen Umwelt führen.

Die bedeutendsten Vertreter des Rationalismus, der schon »klassischen« Avantgarde, sind die Deutschen Walter Gropius und Ludwig Mies van der Rohe sowie der französisch-schweizerische Architekt Le Corbusier (eigentl. Charles-Édouard Jeanneret-Gris). Auch die moderne sog. organische (an der Natur orientierte) Architektur des US-Amerikaners Frank Lloyd Wright und des Finnen Alvar Aalto wird in den 30er Jahren (besonders bei Aalto) vom Rationalismus geprägt.

Gropius und Mies van der Rohe gehen 1937 in die USA. Die ehemaligen Leiter des für die moderne Architektur wegweisenden Bauhauses in Weimar und Dessau (1933 auf Druck der Nazis geschlossen) werden fortan zu den bestimmenden Architekten der US-amerikanischen Ostküste.

In Europa setzt sich die neue Bauauffassung besonders nachhaltig in Skandinavien durch. Hervorragende Beispiele sind die Pavillons Schwedens und Finnlands auf der Weltausstellung in Paris.

Ebenfalls auf der Weltausstellung präsentiert das NS-Regime die klotzige Monumentalität seiner »neuen deutschen Architektur«. Im Deutschen Reich werden nach den Wünschen des Führers und Reichskanzlers Adolf Hitler von Albert Speer u. a. die oft zitierten Vorbilder der Antike zu gigantischen Denkmälern der Macht pervertiert. Die öffentlichen Repräsentativbauten verschlingen auch 1937 Unsummen.