Die Arbeitskräftefrage wird zusehends zu einem Problem

Arbeit und Soziales 1938:

Durch die verstärkte Durchführung des 1936 beschlossenen Vierjahresplans und die wegen der außenpolitischen Spannungen häufigen Einberufungen zur Wehrmacht ist der Arbeitsmarkt des Jahres 1938 im Deutschen Reich stark angespannt. Der »Anschluss« Österreichs am 12. März 1938 und die Annexion des Sudetenlands bringen keine wesentliche Entlastung auf dem Arbeitsmarkt, da aus diesen Gebieten in den vergangenen Jahren zahlreiche Arbeitnehmer im Deutschen Reich Beschäftigung gefunden hatten.

Die Beschäftigtenzahl im Altreich (Deutsches Reich ohne Österreich und Sudetenland) steigt im Jahresverlauf von 18,7 auf 20,8 Millionen Personen Ende November und liegt damit um 1,2 Millionen über der höchsten Beschäftigungsziffer des Jahres 1937. Die Arbeitslosenziffer sinkt von 1,05 Millionen im Januar auf 154 000 im Monat November. Hinzu kommen Beschäftigungslose aus dem Land Österreich und dem Sudetenland, deren Zahl sich Ende Dezember auf 368 132 beläuft.

Die Steigerung der Beschäftigtenziffer um 2,1 Millionen zwischen Januar und November 1938 zeigt, dass im Altreich die Zahl der verfügbaren Arbeitskräfte nahezu ausgeschöpft ist. Dies ist Ergebnis umfassender Aktionen gegen sog. Arbeitsscheue und Berufsgruppen wie Hausierer, Straßenhändler und Eintänzer, die zum Arbeitseinsatz verpflichtet werden. Hinzu kommt die Wiedereingliederung von älteren Angestellten und Arbeitsinvaliden – vor allem im Bergbau -, wobei auch verschiedene Ruhevorschriften der Sozialversicherung außer Kraft gesetzt werden.

Besondere Maßnahmen zur Arbeitsbeschaffung erfordern die Großprojekte der Regierung wie der Bau des Westwalls und des Volkswagenwerks sowie der Ausbau der Hermann-Göring-Werke in Salzgitter, wobei auf dem Verordnungswege die Freizügigkeit der Arbeitskräfte noch weiter als bisher eingeschränkt wird.

Dies stößt jedoch in der Öffentlichkeit auf Widerstände, vielfach ist von der Einführung der Zwangsarbeit die Rede. Durch erhöhte Entlohnung und Vergünstigungen bei den Angeboten der Organisation Kraft durch Freude (KdF) wird versucht, die Unruhe zu dämpfen.

Allgemein ist auf dem Arbeitsmarkt ein Mangel an Facharbeitern festzustellen, vor allem im Baugewerbe, im Bergbau und in der Metallindustrie. Neben einer verstärkten Inanspruchnahme von Frauen führt der Arbeitskräftemangel zu einer wachsenden Beschäftigung von Ausländern: In der Landwirtschaft werden rund 125 000 Ausländer beschäftigt, darunter viele Volksdeutsche aus der Tschechoslowakei und 60 000 Polen, deren Zahl seit mehreren Jahren jeweils durch ein Abkommen mit der polnischen Regierung festgelegt wird. Für den Ausbau der Hermann-Göring-Werke werden rund 40 000 Ausländer angeworben, vor allem Italiener, und in der deutschen Seeschifffahrt und der Hochseefischerei arbeiten zahlreiche Niederländer und Norweger.

1938 werden auch Überlegungen über den Arbeitseinsatz künftiger Kriegsgefangener angestellt, wobei durch eine Anordnung Hermann Görings, des Beauftragten für den Vierjahresplan, vom 16. Juli 1938 Kriegsgefangene vorrangig in der Landwirtschaft beschäftigt werden sollen.

Die im Rahmen des Vierjahresplans erfolgende Ausdehnung der Produktion, vor allem der Rüstungsproduktion, führt zu einer verlängerten Arbeitszeit und einer starken Zunahme der Zahl der Arbeitsunfälle und Berufserkrankungen. Von 1932 bis 1938 steigt die Zahl der gemeldeten Arbeitsunfälle von 3,4 auf 6,1% aller Beschäftigten. Die Entschädigungszahlungen bleiben unzureichend: Wurden 1932 noch 10,6% aller Verunglückten entschädigt, sind es 1938 nur noch 5,1%. Als Ausgleich für die Arbeitshetze wird die Arbeit der NS-Gemeinschaft KdF im betrieblichen Bereich propagiert. In ihrer Leistungsbilanz kann die Gemeinschaft KdF, eine Einrichtung der Deutschen Arbeitsfront (DAF), auf folgende Zahlen verweisen: Zwischen 1933 und 1938 werden in 280 000 Betrieben mit Licht, Luft und Grün 20 271 Werkstätten und Büros verschönt, werden 20 455 Waschräume und Aborte erstellt, 15 595 Kantinen geschaffen und 13 122 Fabrikhöfe freundlicher gestaltet. Diese Arbeit des KdF ist kein Selbstzweck, vielmehr gilt das Motto: »Schöne Arbeit ist wirtschaftlich«.

Zwar gilt gesetzlich immer noch der Achtstundentag, aber durch Ausnutzung der zahlreichen gesetzlichen Ausnahmemöglichkeiten ist in einer Reihe der wichtigsten Gewerbezweige der Zehnstundentag eingeführt worden. Zwar klettert die gesamte Lohnsumme über den Stand vor der Weltwirtschaftskrise, aber der Anteil der Lohn- und Gehaltssumme am Volkseinkommen sinkt zwischen 1933 und 1938 von 63 auf 58%.

Für die Arbeitnehmer hat dies folgende Auswirkungen: Die Tariflöhne bleiben auch 1938 trotz des Wirtschaftsaufschwungs unter dem Stand von 1929, das Wachstum der Wochenlöhne ist vor allem eine Folge der längeren Arbeitszeit und der Überstunden, die ausgezahlten Nettoverdienste liegen nach Steuer- und Sozialabzügen sowie der angeblich freiwilligen Beiträge und Spenden rund 20% unter den Bruttosätzen.

Das Gleiche gilt für die Landwirte, die erst im Wirtschaftsjahr 1938/39 für ihre Erzeugnisse so viel erlösen wie 1928/29 und die bei einem Anteil von 24% an der volkswirtschaftlichen Arbeit nur 17% des Gesamteinkommens beziehen.

Zwischen 1933 und 1938 werden 11 015 land- und forstwirtschaftliche Grundstücke zwangsversteigert, über die Hälfte davon unter 2 ha. Die ungleiche Verteilung der Einkommen ist auch durch die unter dem Motto »Gemeinnutz geht vor Eigennutz« angetretene nationalsozialistische Sozialpolitik nicht beseitigt worden: 1938 verdient 1% der Steuerzahler über 50 000 Reichsmark im Jahr und bezieht 21% der Gesamteinkommen.

Die Leistungen der Sozialversicherung bleiben auch im Jahr 1938 trotz der materiellen Verbesserungen durch die Änderung der Rentenversicherung durch Reichsgesetz vom 21. Dezember 1937 unzureichend. Sie ermöglicht keine ausreichende Versorgung, sondern macht regelmäßig noch die Zuschüsse anderer Einrichtungen, vor allem der Fürsorge, erforderlich.

Wichtigste und auch vom nationalsozialistischen Staat am stärksten geförderte Einrichtung der freien Wohlfahrtspflege ist die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt (NSV), der u. a. durch das Winterhilfswerk (WHW) Spenden zufließen, während den kirchlichen Wohlfahrtsverbänden öffentliche Sammlungen verboten sind.

Als Folge des Mangels an Arbeitskräften wird im Jahr 1938 durch umfangreiche Erfassungsmaßnahmen die Zahl der noch in irgendeiner Weise arbeitsfähigen von der Wohlfahrt unterstützten Erwerbslosen stark reduziert.

Am 21. Dezember 1938 wird das Gesetz über die Altersversorgung für das deutsche Handwerk erlassen, das zum 1. Januar 1939 in Kraft tritt. Grundsätzlich unterliegen alle selbstständigen Handwerker der Angestelltenversicherungspflicht. Eine Befreiung kann bei Abschluss einer Lebensversicherung ausgesprochen werden, sofern die Versicherungssumme mindestens 5000 Reichsmark (RM) beträgt.

Auf Missfallen stößt nach wie vor in weiten Bevölkerungskreisen die Gestaltung der Arbeitslosenversicherung. Angesichts einer Arbeitslosenquote von unter 1% im Herbst 1938 wird deren weitere Erhebung von vielen Lohnabhängigen als Steuer aufgefasst, zumal die Beiträge nur von einem Teil des Volkes – den Arbeitern und Angestellten mit einem Monatseinkommen von weniger als 600 RM – erhoben wird.