Erziehung im Deutschen Reich im Zeichen totaler Erfassung

Bildung 1938:

Die schulische und universitäre Bildung im Deutschen Reich steht im Jahr 1938 im Zeichen erweiterter Anstrengungen des Staates um noch stärkere Ausrichtung sämtlicher Ausbildungsbemühungen auf die Ziele des Nationalsozialismus. Im Zusammenhang mit der Grundsteinlegung für zehn neue Adolf-Hitler-Schulen (AHS) am 15. Januar wird die Diskussion über den Sinn dieser Schulen fortgesetzt, die 1937 auf Wunsch von Reichsjugendführer Baldur von Schirach und dem Reichsorganisationsleiter der NSDAP, Robert Ley, gegen den Willen der Lehrerschaft und des Reichserziehungsministers Bernhard Rust gegründet worden waren. Die Befürworter der AHS streben eine weitgehende Verlagerung der Erziehungsaufgaben von der Schule in die – in erster Linie von der Hitlerjugend (HJ) – betriebene Jugendarbeit an.

Das Verhältnis von Schule und HJ wird vielerorts von Differenzen geprägt, woran auch die Einführung von HJ-Vertrauenslehrern zunächst wenig ändert. Nach wie vor umstritten ist die Stellung des Religionsunterrichts. Zwar ergeht durch den Nationalsozialistischen Lehrerbund (NSLB) im Zusammenhang mit der »Reichskristallnacht« die Anweisung, in Hinblick auf das jüdische Gedankengut des Alten Testaments die Erteilung des Religionsunterrichts abzulehnen, doch dieser Erlass hat keinen Erfolg, sondern löst vielmehr eine neue Debatte für und wider die schulische Religionserziehung aus.

Durch das Reichsschulpflichtgesetz vom 6. Juli 1938, das am 1. November in Kraft tritt, ist die Pflicht zum Besuch von Volks- und Berufsschulen einheitlich geregelt worden: Die Volksschulpflicht dauert acht Jahre, die anschließende Berufsschulpflicht drei, in landwirtschaftlichen Berufen zwei Jahre. Die Bewertung der schulischen Leistungen erfolgt an den Schulen im Reichsgebiet nach sechs Leistungsstufen zwischen »sehr gut« (1) und »ungenügend« (6), Zwischenstufen gibt es nicht. Für die Gesamtbeurteilung in den Prüfungszeugnissen gibt es fünf Leistungsstufen, die Skala reicht von »mit Auszeichnung bestanden« für außergewöhnliche Leistungen, über »gut bestanden«, »befriedigend bestanden« und »bestanden« bis »nicht bestanden«.

Die Mittelschule, die sich vor allem an begabte Schüler aus dem Bauerntum und dem handwerklichen Mittelstand wendet, hat sechs Klassen, ihr Abschluss eröffnet in der Regel den Zugang zum gehobenen und mittleren Staatsdienst.

Die höhere Schule hat durch Erlass des Reichsministeriums für Erziehung und Unterricht (REM) vom 29. Januar ein einheitliches Gesicht erhalten. Die Schulzeit beträgt acht statt neun Jahre, Hauptform der deutschen höheren Schule ist statt des Gymnasiums die deutsche Oberschule mit Betonung der deutschkundlichen Fächer.

In der Frage der Privatschulen bleibt eine reichseinheitliche Regelung 1938 aus. Daher versucht das Reichserziehungsministerium, durch Schließung einzelner Schulen und durch Übernahme privater Schulen in den öffentlichen Dienst das Privatschulwesen zu beseitigen, mit dem Erfolg, dass die höheren Privatschulen bereits zu 70% aufgelöst worden sind. Im Land Bayern sind bereits alle Privatschulen geschlossen worden.

Sorge bereitet den Bildungspolitikern im Deutschen Reich der geringe Lehrernachwuchs. Im Land Preußen fehlen – vor allem im Volksschulbereich – rund 3000 Lehrkräfte, obwohl auch auf bereits pensionierte Lehrkräfte zurückgegriffen worden ist. Bayern meldet mehr als 600 freie Lehrerstellen, Württemberg 150. Zugleich sinken die Zahlen der Absolventen der Lehrerbildungsstätten, so dass nach Angaben des NSLB im Jahr 1942 für die ausscheidenden rund 9000 Lehrkräfte weniger als 2500 junge Lehrer zur Verfügung stehen.

An den Hochschulen stößt die Totalerfassung der Studenten im Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund (NSDStB) auf Schwierigkeiten, so dass die Reichsstudentenführung als Kompromiss eine vollständige Erfassung aller Erst- bis Drittsemester in den studentischen Kameradschaften anstrebt. Insgesamt ist an den Hochschulen die Tendenz zu beobachten, dass die Studenten sich möglichst von jeder Art politischer Betätigung fernhalten wollen. Im Wintersemester 1937/38 sind an den deutschen Hochschulen 58 325 Studierende immatrikuliert, darunter 6698 Frauen. Der Zugang zur Universität wird durch Studentenhöchstzahlen für die einzelnen Hochschulen erschwert.

Für weibliche Abiturienten ist seit Jahresbeginn ein 26-wöchiger Arbeitsdienst vor Antritt des Studiums obligatorisch geworden, ein Großteil der Studenten leistet während der Sommermonate einen Einsatz im Landdienst ab.

Im Zusammenhang mit dem Reichsstudententag in Heidelberg hat sich durch den Eintritt der Alten Herren der waffenstudentischen Verbände in den NS-Altherrenbund die Vereinheitlichung des Altherrentums vollzogen.

Durch Reichsgesetz vom 7. Juli 1938 (in Kraft zum 1. 4. 1938) wird das Reichsstudentenwerk geschaffen. Es vereinigt die bisher bestehenden Einrichtungen des studentischen Hilfswerks an den deutschen Hoch- und Fachschulen. Vorsitzender des Reichsstudentenwerks ist der Reichsstudentenführer.

Das Reichsstudentenwerk finanziert sich aus Zuschüssen des Reiches und der Länder, durch freiwillige Spendungen und durch Beiträge der Studenten.