Steigendes Verkehrsvolumen problematisch

Verkehr 1938:

Der Anstieg des Verkehrsvolumens durch den Anschluss Österreichs im März und des Sudetenlandes im Oktober 1938 sowie der Bau des Westwalls lassen eine erhebliche Verknappung an öffentlichem Transportraum eintreten. Im Personen- und Lastwagenverkehr setzen sich die Zuwachsraten der letzten Jahre fort.

Bei der Deutschen Reichsbahn staut sich ab Juli der Verkehr auf den überlasteten Strecken. Mit Beginn des Herbstverkehrs zeigen sich in der Geschichte der Reichsbahn noch nicht gekannte Schwierigkeiten: Die Personenzüge treffen mit stundenlangen Verspätungen ein, der Sonderzugverkehr muss zum größten Teil eingestellt werden, zum Jahresende ist die Bahn gezwungen, Personenzüge ausfallen zu lassen, um die freiwerdenden Lokomotiven bei der Beförderung von Gütern einzusetzen.

Der gestiegenen Nachfrage nach Transportraum kann die Reichsbahn nicht entsprechen, die Folge sind im industriellen Bereich Betriebseinschränkungen wegen Kohlen- und Rohstoffmangels, während die Kohlenzechen auf Halde produzieren. Der Personalbestand der Reichsbahn ist überbeansprucht, einem Großteil der Reichsbahnangehörigen bleibt 1938 Urlaub verwehrt. Versuche, die Stimmung durch Teuerungszulagen von bis 1000 Reichsmark (RM) für Oberbeamte und bis zu 40 RM für kleine und mittlere Beamte zu heben, schlagen fehl.

Die Reichsbahn befährt Ende 1938 einschließlich Österreich und Sudetenland ein Streckennetz von 63 954 ,35 km. Sie verfügt über 20 972 Lokomotiven (1937 waren es 20 711 ), 65 418 Personenwagen (64 489) und 577 066 Güterwagen (5574 499 ). Sie befördert 1938 insgesamt 1975,7 Millionen Personen (1808,0) und 520 Millionen t Güter (499). Der Reichsbahn fehlen mindestens 80 000 Güterwagen und 4000 Lokomotiven.

Der Kraftwagenverkehr hat gegenüber den Vorjahren weiter zugenommen. Am 1. Juli 1938 gibt es im Deutschen Reich 381 096 Lastkraftwagen (3320 016 ). Besonders in Anspruch genommen wird der Güterkraftverkehr im Sommer durch die Einziehungen für den Bau des Westwalls und die Mobilisierung der Wehrmacht im September, wobei durch die Requirierung von Schnelllastwagen der Transportraummangel auch für die Bevölkerung spürbar wird.

Am 1. Juli 1938 gibt es im Deutschen Reich insgesamt 1 305 608 Pkw, davon haben 83% Motoren mit einem Hubraum von bis zu 2000 cm3, die Zahl der Kfz mit über 3000 cm3 Hubraum beläuft sich auf 82 916 (Anteil 6,4%). Die Zahl der Neuzulassungen bei den Pkw beträgt 224 623 (1937 waren es 216 849 ). Am 1. Juli 1938 gibt es in Berlin 215 354 Kfz (20 je Einwohner), in Hamburg 62 080 (20 je Einwohner) und in München 60 542 (13 je Einwohner).

Der Bau der Reichsautobahnen geht 1938 weiter zügig voran, bis Ende des Jahres können 3065 km dem Verkehr übergeben werden. Die deutschen Luftfahrtgesellschaften legen 1938 insgesamt 20,8 Millionen Flugkilometer zurück (1937 waren es 18,8 Millionen). Belebtester deutscher Flughafen bleibt Berlin mit 26 950 An- und Abflügen (24037).

In der Binnenschifffahrt treten im Zuge der Befestigungsbauten am Westwall Transportengpässe auf, die zur Anmietung von ausländischen Schiffen führen. Das Personal auf den deutschen Binnenschiffen fährt noch zu den Löhnen von 1932, so dass zahlreiche Beschäftigte abgemustert haben.

Wegen der starken steuerlichen Belastung haben zahlreiche Kleinschiffer ihren Wohnsitz in die Niederlande verlegt.