Zeitgemäß und formschön

Wohnen und Design 1938:

Die deutsche Wohnkultur des Jahres 1938 propagiert eine stilvolle und formschöne Heimgestaltung. Wohnkultur gilt offiziell dann nicht als Luxus, wenn die Einrichtung einer Wohnung im Einklang mit der übrigen Lebenshaltung steht.

Allerdings ist Wohnen für die meisten Menschen noch immer das Einrichten in bestehende, meist beengte Verhältnisse. Die kühnen Entwürfe der in- und ausländischen Innenarchitekten für ein modernes, auf die kreative Weiterentwicklung durch die Bewohner ausgerichtetes Wohnen – z. B. in einem modernen Eigenheim mit Dachterrasse und Schwimmbad im Garten – sind nur für eine kleine, privilegierte Bevölkerungsschicht bezahlbar.

Auf einer Ausstellung »Deutsches Wohnen 1938« präsentiert das deutsche Tischlerhandwerk in Leipzig Musterbeispiele städtischer Wohnungseinrichtungen für alle Lebenslagen. Wesentliche Kennzeichen sind klare Linien und die Verwendung einheimischer Hölzer wie Fichte, Eiche und Birnbaum.

Durch bunte Accessoires wie farbige Wandteppiche, Tischdecken, Sets und Zierkissen wird die sachliche Atmosphäre aufgelockert. Einen ganz anderen Trend propagiert eine Fabrik in den USA: Dort werden Stahlhäuser – Stückpreis 4000 US-Dollar (rund 9600 Reichsmark) – mit einem Gewicht von 41 t serienmäßig produziert, die auf einer Grundfläche von 10 mal 13 m einen ganz besonderen Wohnkomfort bieten – alles aus Stahl.

Für die Wohnsituation im Deutschen Reich gelten jedoch andere Maßstäbe als die Entwürfe aus den Illustrierten. In vielen Regionen besteht nach wie vor ein Fehlbestand an Wohnungen, der sich nach den amtlichen Schätzungen bis zum Jahr 1948 auf rund 4,2 Millionen belaufen wird, davon 36% als Wohnungsfehlbestand für die noch nicht in eigener Wohnung lebenden Familien und Haushaltungen.

Für die Reichshauptstadt Berlin wird ein Fehlbestand von rund 170 000 Wohnungen errechnet, der sich durch die verschiedenen Umbaumaßnahmen im Rahmen der Neugestaltung des Stadtbildes noch um rund 30 000 erhöhen wird.

Eine Untersuchung über die dortigen Wohnverhältnisse kommt zu dem Ergebnis, dass zwei Drittel aller Berliner in familienunwürdigen Verhältnissen leben, wenn man davon ausgeht, dass eine vierköpfige Familie eine 21/2-Zimmer-Wohnung mit Küche benötigt. Demgegenüber wohnen u. a. noch 45 000 Einwohner der Reichshauptstadt in Laubenkolonien und 84 000 in ausgebauten Dachgeschossen.

Dabei wirft die Bautätigkeit kein günstiges Licht auf die Wohnbauförderung durch den nationalsozialistischen Staat: Während in den letzten sieben Jahren vor 1933 in Berlin im Durchschnitt 26 000 Neubauwohnungen erstellt wurden, waren es zwischen 1933 und 1936 nur noch 22 500 Neu- und Umbauwohnungen pro Jahr.

Schlimmer als in Berlin sieht es u. a. in der Provinz Ostpreußen aus, wo viele Kleinbesitzer und Kätner in Häusern aus Lehm oder verfaulenden Bohlenwänden hausen. Familien mit bis zu zehn Mitgliedern sind nicht selten in Wohnungen untergebracht, die nur aus einer Küche mit einer unzulänglichen Kammer bestehen. Ähnlich sieht es auch in vielen Gegenden Schlesiens und des Ruhrgebiets aus.

Die Miethöhen sind im Reichsvergleich sehr unterschiedlich: In Berlin beträgt der durchschnittliche Mietpreis für eine Dreizimmerwohnung mit Küche im Altbau 65,36 RM und eine 21/2-Zimmer-Neubauwohnung 67,77 RM. In Essen sind für vergleichbare Wohnungen 33,90 und 43,02 RM zu zahlen. Die Bautätigkeit wird im Jahr 1938 gehemmt durch die Erstellung der Befestigungsarbeiten an der Westgrenze des Reiches (Westwall), die zu einem starken Abzug von Arbeitskräften und Rohstoffen geführt haben. Aus diesem Grund sind zahlreiche Wohnungs- und Siedlungsbauten bislang nicht fertiggestellt worden.

Der nationalsozialistische Wohnungsbau propagiert die Anlage von Kleinwohnungen, einförmigen Giebelhäusern mit Garten in ländlichen Siedlungen. Auch die vom Architekten Peter Koller 1938 entworfene KdF-Stadt (Wolfsburg) sieht solche Siedlungen vor.