NS-Erziehung durch Kriegsereignisse stark beeinträchtigt

Bildung 1940:

Ziel von schulischer Erziehung und Ausbildung des Heranwachsenden durch den NS-Staat ist die Vermittlung und Festigung einer nationalsozialistischen Weltanschauung. Sie kann wie auch andere von der Propaganda angepriesene Errungenschaften des NS-Staates, z. B. im sozialen Bereich, unter den herrschenden Kriegsverhältnissen nur noch mit Mühe aufrechterhalten werden. So werden im Jahr 1940 Ausbildung und Einrichtungen der Schule einer zunehmenden Reglementierung und Beschneidung unterworfen. Lediglich die Anstrengungen um die Heranbildung einer NS-Führungsschicht sind von diesen Restriktionen ausgenommen. Durch gezielte Reformen, so die Durchsetzung reichseinheitlicher Unterrichtslinien an Volks- und Mittelschulen (3. 2.) und die fortgesetzte Umwandlung von Bekenntnisschulen in Gemeinschaftsschulen (1941 abgeschlossen), versucht der Staat auch im schulischen Alltag seinen Einfluss auszubauen. Die zunehmenden Eingriffe in die Lehrinhalte machen selbst die Kriegsereignisse zum täglichen Lehrstoff. Ziel soll sein: Eine »bewußte, selbstsichere, wehrhafte und tatbereite Jugend voller Wagemut und Gefolgschaftstreue«. Eine Verordnung vom 29. Juni z. B. veranlasst die Schulräte, dafür Sorge zu tragen, dass in den Oberstufen täglich der Bericht des Oberkommandos der Wehrmacht besprochen wird. Die Schüler sollen einen Einblick in die laufenden Kampfhandlungen gewinnen und mit »Spannung« den weiteren Verlauf verfolgen. Über die Vermittlung von Kenntnissen des Aufbaus der Wehrmacht und deren einzelner Waffengattungen soll dieser Anweisung zufolge auch schon in den Grundstufen das entsprechende Verständnis gefördert und das Interesse der Schüler für militärische Belange frühzeitig geweckt werden.

Nach dem Willen der Propagandisten hat der Schulbetrieb diesen hohen Erziehungszielen zu dienen. Aber die Umsetzung in die Unterrichtspraxis funktioniert nicht so, wie es das Regime gerne glauben machen will. Besonders im Volksschulbereich zeigen sich Mängel: Die voll ausgebaute achtklassige Volksschule, an der zumindest sieben, acht oder mehr Lehrer unterrichten, bildet eher die Ausnahme. Meist gibt es sie nur in Städten oder großen Landgemeinden des Reiches. Von den 57 255 Volksschulen, die 1940 bestehen, sind nur 5399, also 10%, voll ausgebaut. Demgegenüber stehen 40% einklassige Schulen. Im Reichsdurchschnitt hat eine Schule 1940 nur 3,5 Klassen. Die Zusammenlegung mehrerer Jahrgänge zu einer Klasse verschärft den Notstand.

Diese Verhältnisse sind für eine fundierte Ausbildung nicht förderlich, sie verschlechtern sich durch die Auswirkungen des Kriegs noch weiter. Am 3. Januar 1940 wird die zweijährige Ausbildung der Volksschullehrer um ein Semester verkürzt. Der Lehrermangel nimmt durch Einberufungen zur Wehrmacht zu. Dadurch fällt Unterricht aus. Der außerschulische Einsatz von Schülern und Lehrern in der Landwirtschaft oder bei diversen Sammelaktionen, beispielsweise für das Kriegswinterhilfswerk, reduzieren die täglichen Schulstunden zusätzlich. Ohnehin ist deren Dauer in der Regel auf 40 Minuten beschränkt. Fliegeralarm, Kohlemangel und die Belegung von Schulraum durch das Wehrwirtschafts- und Rüstungsamt sowie den Luftschutz machen einen geregelten Schulbetrieb im zweiten Kriegsjahr beinahe unmöglich.

Auch die Hochschule bleibt nicht von den Auswirkungen des Krieges verschont. Die Studenten werden verstärkt zu staats- und kriegsdienlichen Aufgaben herangezogen, die als sog. Studentische Dienstpflicht und Propagandaeinsatz in das Studium integriert werden. Die kommende akademische Elite, zu der das Regime ein gespaltenes Verhältnis hat, soll ihre Regimetreue an Aufgaben für die Volksgemeinschaft beweisen.

Das von der NS-Führung angestrebte Ziel, eine ausgewählte Elite für die Spitzenpositionen in Staat und Partei heranzuziehen, wird auch noch 1940 weiterverfolgt. Mit der Einführung des Langemarck-Studiums in Österreich sowie der am 9. Oktober eröffneten ersten Nationalpolitischen Erziehungsanstalt im Reichsgau Wartheland soll das bisher auf das Reich ausgerichtete Konzept sogar auf die annektierten Gebiete ausgedehnt werden. Die an NS-Eliteschulen ausgebildeten Schüler sollen einmal die Führungsschicht des Großdeutschen Reiches stellen.