Aufkommende Unzufriedenheit über die Kriegswirtschaft

Arbeit und Soziales 1941:

Der Zweite Weltkrieg und die vollkommen auf Rüstungsgüterproduktion ausgerichtete Wirtschaft prägen die Arbeitswelt und das soziale Leben im Deutschen Reich.

Die Familie ist spätestens seit Kriegsausbruch nicht mehr die »Grundlage des Staates«; die männlichen Familienmitglieder sind zum Einsatz in den Einheiten der Wehrmacht oder der SS kommandiert; viele Kinder aus Gebieten, die von Luftangriffen bedroht sind, werden in weniger gefährdete Regionen landverschickt; die Frauen zieht die nationalsozialistische Führung verstärkt zur Arbeit in Industriebetrieben, im Handel und im öffentlichen Dienstleistungssektor heran. Die Gesamtzahl der männlichen Arbeitskräfte im Deutschen Reich ist zwischen 1939 und 1941 von 24,8 Millionen auf 19 Millionen gesunken, während der Truppenbestand der Wehrmacht im gleichen Zeitraum von 1,4 Millionen auf 7,2 Millionen angestiegen ist.

Um den Abzug von Arbeitskräften aus der Wirtschaft auszugleichen, werden in den Unternehmen ausländische Arbeiter eingesetzt. Sie werden in anderen, befreundeten, europäischen Ländern wie Italien und Spanien angeworben, oder in besetzten Gebieten, vor allem in Polen, zwangsverpflichtet. Auch Kriegsgefangene werden in großem Umfang in den Betrieben eingesetzt, um die Produktion in Gang zu halten; insgesamt ist die Zahl der Ausländer und Kriegsgefangenen in der deutschen Wirtschaft zwischen 1939 und 1941 von 300 000 auf 3 Millionen gestiegen.

Durch diese Maßnahmen kann der Mangel vor allem an qualifiziertem Personal jedoch nicht behoben werden; aus landwirtschaftlichen Gebieten z. B. wird eine Gefährdung der Aussaat infolge fehlender Arbeitskräfte gemeldet, der Ruhrbergbau muss 12-Stunden-Schichten einführen und klagt über die mangelnde Qualifikation der eingesetzten Fremdarbeiter; das Handwerk und der Einzelhandel verzeichnen eine Überlastung, die sich u. a. in Menschenschlangen vor den Geschäften bemerkbar macht.

Die Löhne sind im Deutschen Reich nach einer Verordnung, die am 15. Oktober 1939 in Kraft trat, nicht mehr erhöht worden, während die Preise trotz eines sog. Preisstopps gestiegen sind. Der tarifliche Stundenlohn eines Facharbeiters beträgt 0,80 Reichsmark (RM), ein angelernter Arbeiter erhält 0,72 RM und ein Hilfsarbeiter 0,64 RM. Seit dem Jahr 1928 sind die Löhne durchschnittlich um 5% gesunken.

Nach einer Aufstellung des Sicherheitsdienstes der SS vom 3. März 1941 konnte ein Arbeiter, der 1938 einen Nettowochenlohn von 20 RM hatte, für 12 RM Lebensmittel und für 2 RM Bekleidung kaufen; in diesem Jahr müsste er bei gleichem Lohn und der gleichen Menge und Qualität der gekauften Waren 15 RM für Lebensmittel und 2,80 RM für Bekleidung ausgeben.

Arbeitsmangel und die Konzentration der Wirtschaft auf die Rüstungsgüterproduktion führen zudem zu Engpässen bei der Versorgung mit Lebensmitteln und Gebrauchsgütern. In der Bevölkerung wächst die Unzufriedenheit. Die Menschen, die zu Hause geblieben sind, müssen immer mehr arbeiten; Stromabschaltungen, Kohlenmangel und Knappheit an wichtigen Nahrungsmitteln sind an der Tagesordnung. Doch vorerst gelingt es dem Regime, die Bevölkerung durch Kriegserfolge abzulenken.