Alte Form und neuer Inhalt

Wohnen und Design 1942:

Wie schon in den Jahren 1933 bis 1941 bleibt stilistische Vielfalt auch im dritten Kriegsjahr Kennzeichen industrieller Gebrauchsgüterästhetik im nationalsozialistischen Deutschland. Beim Wohnen setzen Wohnraumknappheit und kriegsbedingte Mangelwirtschaft den Einrichtungswünschen enge Grenzen. Ohne gestalterisches Neuland zu betreten, verweisen beim Design zahllose Entwürfe einerseits in direkter Linie auf den technisch-ästhetischen Funktionalismus der Neuen Sachlichkeit in den 20er Jahren, andererseits auf den Neo-Klassizismus aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg.

Selbst Entwürfe bäuerlicher Siedlungshäuser finden ihr Vorbild in der heimatverbundenen Bautradition eines Paul Schultze-Naumburg aus der Zeit nach der Jahrhundertwende. Während die formalen Elemente nationalsozialistischer Warenästhetik Vorbildern aus der Zeit vor 1933 verhaftet bleiben, erfährt ihre inhaltliche Ausformung durch die NS-Propaganda einen entscheidenden Wandel. Sowohl der »Volksempfänger« als auch der »Volkswagen« sind herausragende Beispiele, wie aus Standardprodukten Gegenstände allseitiger Identifikation mit der Politik eines Regimes werden, das den Traum vom individuellen Genuss zum Zwecke der Systemstabilisierung instrumentalisiert. Die aus kriegsökonomischen Gründen erzwungene Reduzierung der Form auf die nackte Zweckmäßigkeit wird zudem als technisch-ästhetische Errungenschaft propagiert: Analog zur NS-Rassenlehre hat Design auszumerzen, was nicht leistungsfähig ist. Die NS-Ideologie spiegelt sich auch im Wohnbereich wider. Zwar beschränkt die allgemeine Güterknappheit für einen Großteil der Bevölkerung die Möglichkeiten der Inneneinrichtung, von den Funktionären des Regimes favorisiert werden trotzdem bäuerlich-rustikale Einrichtungen, die als direkter Ausfluss der rassistischen Blut-und-Boden-Ideologie des Nationalsozialismus erscheinen.