»Ihr sollt in vollen Zügen genießen!«

Verkehr 1942:

Um die vorhandenen Kraftfahrzeug- und Reichsbahnkapazitäten voll in den Dienst der Kriegswirtschaft stellen zu können, wird zu Anfang des Jahres die private Pkw-Nutzung im Deutschen Reich ebenso verboten wie Privatreisen mit der Eisenbahn.

Seit Juni wirbt die Reichsbahn unter dem Motto »Räder müssen rollen für den Sieg!« bei der Bevölkerung um Verständnis für die Einschränkung des privaten Reiseverkehrs zugunsten von Wehrmachts- und Rüstungstransporten auf den Schienen.

Trotz massiver Strafandrohungen bei Verletzung der geltenden Bestimmungen sind die Züge der Reichsbahn überfüllt. Teilweise komme es, so die Auskunft des Reichsbahn-Personals, auf den Bahnhöfen beim Sturm auf freie Abteile zu lebensgefährlichen Rempeleien. Auch seien Beschimpfungen und Stänkereien, insbesondere gegen mitreisende Kriegsbeschädigte, deren Anwesenheit in den Zügen häufig von jüngeren Frauen als Zumutung empfunden werde, an der Tagesordnung. Obwohl Vergnügungsreisen ausdrücklich unter härteste Strafen gestellt sind, ist die Aussicht auf ein paar Stunden Ablenkung vom grauen Kriegsalltag, aber auch auf »zusätzliche Verköstigung« und »alkoholische Genüsse« beim Besuch weiter entfernt lebender Verwandter, so die Feststellung des Sicherheitsdienstes der SS, oft genug Anlass für die Inanspruchnahme der Reichsbahn. Da Kontrollen nur sporadisch durchgeführt werden, entwickelt sich das Reisen mit der Bahn auch außerhalb der Urlaubszeiten an Feiertagen und Wochenenden zu einem Massenvergnügen. In der im Volksmund kursierenden ironischen Aufforderung »Ihr sollt Deutschland in vollen Zügen genießen!« findet die Situation im Reiseverkehr dieses Jahres ihren prägnanten Ausdruck.