Innovationen im Militär- und Zivilbereich

Wissenschaft und Technik 1942:

Obwohl die kriegführenden Nationen ihre Hauptinvestitionen für Forschung und Entwicklung auf dem Militärsektor tätigen und hier auch entsprechende Erfolge zu melden haben, bringt das Jahr 1942 eine ganze Reihe epochaler technischer Innovationen auf nichtmilitärischem Gebiet.

Enrico Fermi – Foto seines Los-Alamos-Dienstausweises (Zweiter Weltkrieg). [Public domain], via Wikimedia Commons

Enrico Fermi – Foto seines Los-Alamos-Dienstausweises (Zweiter Weltkrieg). [Public domain], via Wikimedia Commons

So schlägt am 2. Dezember die Geburtsstunde des Kernenergiezeitalters, als sich in einer Versuchsanlage unter der Tribüne des Football-Stadions der Universität von Chicago erstmals auf der Welt eine von Menschen eingeleitete, gesteuerte nukleare Kettenreaktion abspielt. Den sehr einfach aufgebauten ersten Kernreaktor haben emigrierte europäische Wissenschaftler unter der Leitung des italienischen Kernphysikers Enrico Fermi unter strenger Geheimhaltung konzipiert und aufgebaut. Freilich ist auch er indirekt eine Folge des Krieges, denn das Kettenreaktionsexperiment dient nicht in erster Linie der Entwicklung von Kernkraftwerken, sondern ist der Vorversuch für die Konstruktion einer Atombombe. Neu in der Kernphysik ist auch die Erzeugung des Uranisotops U-233 durch den US-Wissenschaftler Glenn Theodore Seaborg durch Neutronenbombardement von Thorium-232. Das in der Natur nicht vorkommende Uranisotop eignet sich als Kernbrennstoff.

Für die interdisziplinäre wissenschaftliche Forschung von größter Bedeutung ist die Erfindung des Rasterelektronenmikroskops in den USA durch die Wissenschaftler Wladimir Zworykin, J. Hillier und Snyder. Mit Elektronenmikroskopen bisheriger Bauart ließen sich maximal 0,0001 mm starke Materialproben lediglich in der »Durchsicht« untersuchen. Das neuentwickelte Instrument besitzt eine Auflösung von 0,00005 mm und gestattet »Aufsicht«-Analysen bei großer Tiefenschärfe.

Einen beachtlichen Fortschritt in der Datenverarbeitung stellt die erste funktionsfähige elektronische Rechenanlage dar. Bisher arbeiteten die Digitalrechner elektromechanisch, also mit Relaisschaltungen. Der US-Amerikaner John V. Atanasoff bestückte seinen schon 1937 konzipierten Computer mit Elektronenröhren. Er erreicht damit eine wesentlich höhere Rechengeschwindigkeit.

Die chemische Industrie beschert der Weltöffentlichkeit eine Kunststofffamilie mit grundlegend neuen Eigenschaften: die Silikone. Zwar schon 1900 von dem britischen Chemiker Frederic Stanley Kipping im Labor entdeckt, lassen sie sich erst jetzt in großindustriellem Maßstab herstellen. Während sich alle anderen bisher erzeugten Kunststoffe aus Makromolekülen auf Kohlenstoffbasis aufbauen, ist der Grundbaustein der Silikone das aus Quarzsand gewonnene Silizium. Dieses dominierende Element verleiht den flüssigen, gummielastischen und festen Silikonen in einem weiten Temperaturbereich gleichbleibende physikalische Eigenschaften.

Ebenfalls auf dem Gebiet der Chemie gelingt der Firma Agfa in Leverkusen ein Durchbruch. Sie stellt Anfang Oktober erstmals ein Fotopapier der Öffentlichkeit vor, das sich für die Vergrößerung von Farbbildern eignet. Das Verfahren wird als Agfacolor bekannt.

Die Medizintechnik verlängert erstmals die Lebenserwartung schwer nierenkranker Patienten mit einer Entwicklung des Niederländers Willem Johan Kolff. Sein später unter der Bezeichnung »künstliche Niere« bekanntwerdender Dialyseapparat sorgt für eine »Blutwäsche« außerhalb des Körpers.

Neue kriegstechnische Entwicklungen sind das Eisenbahn-Geschütz »Dora«, die mit 1350 t Masse größte Kanone aller Zeiten, Maschinengewehre aus verschiedenen Herstellerländern mit Feuergeschwindigkeiten von rund 1200 Schuss pro Minute, der im Deutschen Reich entwickelte Schleudersitz für Jagdflugzeuge, der leistungsfähigste Kriegscomputer des Zweiten Weltkriegs (das US-amerikanische »Kommandogerät M-9«) und die erste Rakete (die deutsche A 4, später V 2), die eine Gipfelhöhe von 90 km erreicht. Die für militärische Zwecke eingesetzte Rakete war ursprünglich als reines Raumfahrzeug konzipiert.