Bombenkrieg erfordert neuen Wohnraum

Wohnen und Design 1943:

Der Kriegswohnungsbau im Deutschen Reich erlebt in diesem Jahr eine Wende. Bis zum Frühjahr hält der Trend zur systematischen Drosselung des privaten Wohnungsbaus an; am 15. März ergeht sogar ein allgemeines Verbot der Inangriffnahme neuer Wohnbauten. Ab Herbst jedoch wird infolge der zunehmenden Zerstörungen durch den Bombenkrieg die Bautätigkeit wiederaufgenommen.

Dennoch geht die Tätigkeit im Baugewerbe stärker zurück als die Industrieproduktion insgesamt. Im September sind knapp eine Million Personen im Baugewerbe beschäftigt, davon jedoch nur 5% im Wohnungsbau; der Rest ist direkt oder indirekt mit der Erstellung kriegswichtiger Bauten befasst, soweit die 15,5% einbezogen werden, die bei der Reparatur von Bombenschäden eingesetzt sind. Insgesamt werden im Deutschen Reich in diesem Jahr 30 000 neue Wohnungen errichtet; im Jahr 1942 waren es 39 000 .

Den fertiggestellten Wohnungen fehlt manche Bequemlichkeit der Vorkriegszeit: Doppelfenster, Badewannen und andere Komfortausstattungen fallen fort, sofern ihre Fertigung die Kriegsproduktion beeinträchtigen würde. Der verbreitete Einheitstyp des Kriegswohnungsbaus ist ein zweigeschossiges Haus mit je 16 Kleinwohnungen. Die einzelnen Wohnungen bestehen aus einer Wohnküche und zwei Wohnräumen oder einer Wohnküche und einem Zimmer; sie können zu einem späteren Zeitpunkt zusammengelegt werden und gestatten auch den Einbau eines Bades.

Die ab Herbst gebauten neuen Wohnungen sind im wesentlichen Behelfsunterkünfte für evakuierte Bombengeschädigte. Die Häuser haben eine Wohnfläche von rund 20 m2 auf einem rechteckigen Grundriss von 5,10 x 4,10 m. Die Wohnung besteht aus zwei Räumen – einem Wohn- und einem Schlafzimmer. Die Heizung der Räume erfolgt durch den Herd, der im Wohnzimmer steht; eine gesonderte Küche gibt es nicht.

Der Anschluss an die Gas-, Wasser- und Elektrizitätsversorgung ist in den meisten Fällen schwierig; die Bewohner müssen sich z. T. mit Karbidbeleuchtung und Trockentoiletten begnügen. Zu den Behelfsheimen gehören mindestens 200 m2 Gartenland, auf dem der Abort, ein Schuppen für Werkzeuge und ein Stall für Kleintiere Platz finden. Die serienmäßig gefertigten Teile für die spartanisch ausgestatteten Wohnungen im Wert von etwa 1700 Reichsmark (RM) sollen an Ort und Stelle von den zukünftigen Bewohnern selbst zusammengesetzt werden.

Möbel sind im gesamten Deutschen Reich Mangelware. Die Haushaltsgründung von Kriegsversehrten, die aus der Wehrmacht entlassen worden sind, oder von Familien, die ihren ersten Nachwuchs erwarten, gestaltet sich entsprechend schwierig. Ihre überschüssige Kaufkraft wie wohl auch die Hoffnung auf bessere Zeiten mögen die deutsche Bevölkerung dazu bewegen, vermehrt Bausparverträge abzuschließen. Im ersten Halbjahr 1943 werden bei den 22 privaten und 19 öffentlichen Bausparkassen im Deutschen Reich rund 38 000 Verträge mit einer Bausparsumme von etwa 375 Millionen RM unterschrieben. Im gesamten Vorjahr waren es 72 202 Verträge über 715,8 Millionen RM.

In der Wohnraumgestaltung verdienen auch internationale Entwicklungen Aufmerksamkeit: Insbesondere in den USA führt die Zurückdrängung der Haushalte, in denen Dienstboten beschäftigt sind, zu neuen Kücheneinrichtungen. Die Küche ist jetzt nicht mehr ein abgeschlossener sozialer Raum, sondern schließt sich in einem offenen Grundriss an den Ess- oder Wohnraum an. Zugleich wird die Küche als funktionaler Arbeitsbereich konzipiert, wobei die Geräte jedoch – wie bei einem von der Libbey-Owens-Ford Glass Company entwickelten Elektroherd mit versenkbaren Kochtöpfen – der Sicht entzogen werden. Zur Verminderung der Installationskosten beim Bau neuer Wohnungen stellt die US-Firma R. Buckminster Fuller eine kompakte Badezimmer-, Küchen-, Heizungs- und Beleuchtungseinheit vor.

Das industrielle Design im Deutschen Reich gerät in diesem Jahr endgültig unter die Räder des Krieges. Die Produktion wird weitestgehend auf kriegsnotwendige Güter umgestellt, bei denen ein gefälliges Äußeres Nebensache ist. Darüber hinaus sind der gestalterischen Kreativität durch die Rohstoffknappheit enge Grenzen gesetzt. Auch im Ausland, so in den USA, sind Materialien wie Metall Mangelware und müssen z. B. durch Holz ersetzt werden.