Schulunterricht unter dem Diktat des »totalen Krieges«

Bildung 1943:

An den allgemeinbildenden Schulen im Deutschen Reich liegt vieles im Argen: Lehrermangel, Lehrmittelknappheit, schulfremde Verpflichtungen und Kinderlandverschickung sind nur einige Stichwörter zu diesem Thema.

Ein Großteil der männlichen Lehrerschaft steht an der Front; viele Unterrichtsstunden werden daher von weiblichen Aushilfskräften gegeben. Um allen Kindern eine einigermaßen genügende Schulausbildung zukommen zu lassen, ist der Unterrichtsbetrieb auf den ganzen Tag ausgeweitet. Zur Verschärfung der Situation trägt die Fremdnutzung vieler Schulgebäude bei: Die zu Beginn des Krieges durch die Wehrmacht vorgenommene Beschlagnahmung vieler Schulen ist zwar zum größeren Teil aufgehoben; dafür haben sich aber Lazarette, Kartenstellen u. a. einquartiert. Die Raumnot zwingt zunehmend zu Schichtunterricht.

Zur Beeinträchtigung des Unterrichts trägt auch der Mangel an Schulbüchern und Schreibutensilien bei. Ein Erlass des Reichserziehungsministeriums ordnet die äußerste Beschränkung der Neuanschaffung von Lehrbüchern und die Weiterbenutzung bereits vorhandener Literatur an.

Die Lehrer wie auch die Schüler werden zunehmend zu schulfremden Aufgaben herangezogen. Eine Volksschule in Köln z. B. muss innerhalb von 14 Tagen folgende Sonderdienste leisten: 1. Der Schulleiter führt eine große Aufklärungsaktion zur Diphtherie-Schutzimpfung durch und legt eine entsprechende Kartei an. 2. Die gesamte Schule veranstaltet eine Sammlung von unbrauchbaren Schallplatten. 3. Die Schule führt eine Bestandsaufnahme der Fahrräder im Schulbezirk durch. 4. Die Schule organisiert den Verkauf von 315 Luftschutz-Merkblättern an Tierhalter. 5. Die Schule verteilt Aufrufe des Volksbundes für das Deutschtum im Ausland. 6. Die Lehrerschaft organisiert den Abtransport und Verkauf von durch die Schüler gesammelten Altmaterialien. 7. Die Schule veranstaltet eine Heilkräutersammlung. 8. Die Schüler werden auf die Suche nach Flugblättern der Alliierten geschickt. 9. Die Schule beteiligt sich organisatorisch an einer statistischen Erhebung über landwirtschaftliche Bodennutzung im Deutschen Reich.

Seit dem 15. Juni können im Rahmen der Kinderlandverschickung ganze Schulen aus besonders luftkriegsgefährdeten Gebieten evakuiert werden.

Durch eine Verordnung aus Berlin wird der Lehrstoff an den Höheren Schulen gestrafft; was bisher in drei Jahrgängen – von der sechsten bis achten Klasse – durchgenommen wurde, ist in Zukunft in zwei Klassenstufen zu schaffen. Auf den Lehrplänen ganz oben stehen Themen im Sinne der NS-Ideologie, so z. B. Ostkolonisation im Fach Geschichte oder rassische Grundlagen der Volksgemeinschaft in naturkundlichen Fächern.

Die wissenschaftlichen Hochschulen melden mit 63 636 Studierenden im Wintersemester (WS) 1942/43 zwar den höchsten Stand des Krieges, doch gehen die Immatrikulationszahlen im Laufe des Jahres deutlich zurück: Sind im Sommersemester (SS) 1943 immerhin noch 61 066 Studentinnen und Studenten zu verzeichnen, sinkt ihre Zahl im WS 1943/44 auf 44 783 . Neben der Einberufung von Studenten machen sich dabei vor allem die geburtenschwachen Jahrgänge der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg bemerkbar. Eine rapide Zunahme erlebt der Frauenanteil an den Universitäten des Deutschen Reiches: 33,9% im WS 1942/43, 44,5% im SS 1943 und 61,3% im WS 1943/44. Besonders viele Studentinnen sind in den Bereichen Naturwissenschaft, Kulturwissenschaft und Wirtschaftswissenschaft zu finden. Auch die Studentenschaft wird zunehmend den Bedingungen des »totalen Krieges« unterworfen. Insbesondere Absolventen eines Zweitstudiums und Studierende, die nach Ansicht der zuständigen Stellen zu lange auf der Universität verweilen, sollen zum Arbeitseinsatz eingezogen werden.

Ein im ganzen Reich verbreiteter Aufruf zur Sammlung gebrauchter Fachbücher kennzeichnet den verbreiteten Mangel an wissenschaftlicher Literatur.

Auf Sizilien beginnen die Alliierten mit ihrer später auch im Deutschen Reich angewandten »Reeducation«: Sie durchforsten systematisch das Lehrmaterial an Bildungseinrichtungen aller Art, um faschistisches Gedankengut zu streichen. Außerdem werden Hunderte von faschistischen Lehrern und Professoren in Italien entlassen.