Kalorienzufuhr anstelle von Gaumenfreuden

Ernährung, Essen und Trinken 1944:

Obwohl selbst im Kriegsjahr 1944 im Deutschen Reich kaum jemand wirklich Hunger leidet, verschlechtert sich die Ernährungslage doch zunehmend. Die Sicherung der Kalorienzufuhr steht allgemein im Vordergrund – Gaumenfreuden werden Nebensache.

Bis 1943 war die Versorgung der deutschen Bevölkerung im Großen und Ganzen gesichert, da Nahrungsmittel aus den besetzten Gebieten abgezogen und ins Deutsche Reich transportiert wurden. Während das Volk in Polen, Griechenland, Frankreich, Belgien oder den Niederlanden hungert, kommen die Deutschen ganz gut zurecht. Erst als im Laufe des Jahres immer mehr Gebiete und damit »Nahrungsmittellager« verlorengehen, verschlechtert sich die Versorgungslage beträchtlich.

Grundnahrungsmittel wie Brot, Mehl, Fett und auch Fleisch sind aber selbst 1944 allgemein noch ausreichend vorhanden. Der Tagesverbrauch bestimmter Lebensmittel pro Person sieht zum Ende des Jahres 1944 im Vergleich zum Vorkriegszeitraum wie folgt aus: Fleisch und Fisch: 96 g (163 g); Milch: 340 g (379 g); Butter: 21 g (23 g); Eier: 9 g (18 g); Margarine: 8 g (24 g); Kartoffeln: 573 g (486 g); Mehl: 318 g (282 g).

Allerdings gibt es große Unterschiede zwischen Stadt und Land. Während die Stadtbewohner mit ihren auf Karten zugeteilten Lebensmitteln mehr schlecht als recht auskommen, haben die Landbewohner wenig Nahrungssorgen. Eine gerechte Verteilung wird dadurch erschwert, dass ab Frühjahr 1944 verstärkt Verkehrseinrichtungen zum Ziel alliierter Bombenangriffe werden.

Die Qualität der Ernährung nimmt immer mehr ab. Meistens kommen Kartoffel- oder Mehlgerichte auf den Tisch. Vor allem fehlt es an allen Beilagen, die eine Mahlzeit schmackhaft machen. Das Angebot von Zwiebeln oder Knoblauch ist eine Seltenheit, die Vitaminspender Obst und Gemüse gibt es nur in geringen Mengen.

Der Staat versucht, Abhilfe zu schaffen, indem er alle Gartenbesitzer auffordert, ihre Blumenbeete und Parkanlagen umzugraben und Gemüse anzubauen. Auch bisher nicht genutzte Vitaminquellen, z. B. Waldfrüchte, sollen in die Ernährung mit einbezogen werden. Am 10. Februar erscheint in der »Karlsruher Zeitung« ein Bericht auf Anregung der Arbeitsgemeinschaft »Ernährung aus dem Walde«. Darin heißt es: »Das Gänseblümchen ist ein weitverbreitetes Wildgemüse. Seine stoffreichen Blütenstände stehen schon in den ersten Frühjahrswochen in großer Menge zur Verfügung. Sie werden samt den Stielen geerntet und liefern mit Mehl oder Kartoffeln sehr schmackhafte Gerichte, deren angenehmer milder Geschmack allgemeinen Beifall findet …« In den geheimen Lageberichten des Sicherheitsdienstes der Schutzstaffel wird die Reaktion zweier Hausfrauen auf diesen besonderen Menüvorschlag zitiert: »Es ist das beste, man pachtet eine Wiese und führt die Familie zum Essen ins Gras, dann sparen wir noch Kohlen und Gas …«