Kriegsdienst statt schulischer Ausbildung

Bildung 1944:

Bildung und Erziehung stehen im Deutschen Reich ganz und gar im Zeichen der nationalsozialistischen Weltanschauung und werden 1944 durch die Anforderungen des »totalen Krieges« bestimmt. Der geregelte Schulbetrieb bricht fast vollständig zusammen, weil Lehrer und Schüler »kriegswichtige« Aufgaben übernehmen müssen oder weil die fortdauernden Bombenangriffe einen Unterricht unmöglich machen.

In besonders luftkriegsgefährdeten Gebieten, also vor allem in den Großstädten, werden die Schulen geschlossen und viele Kinder im Rahmen der Kinderlandverschickung (KLV) in ländliche Gebiete nach Ost- und Süddeutschland, in das Protektorat Böhmen und Mähren, in die Slowakei oder auch nach Ungarn gebracht. Ganze Schulklassen und sogar die Belegschaften ganzer Schulen sind von dieser Maßnahme betroffen.

Die Erziehung in den KLV-Lagern, die in der Hand der Hitlerjugend liegt, beschränkt sich im Wesentlichen auf eine Charakterschulung im Sinne des Nationalsozialismus und eine vormilitärische Ausbildung. Der Einfluss der Eltern ist nahezu ausgeschaltet. Der Schulunterricht und damit die intellektuelle Ausbildung wird immer weiter eingeschränkt, vor allem da nicht mehr genügend kompetente Lehrkräfte zur Verfügung stehen.

Viele Kinder und Jugendliche erhalten im Deutschen Reich 1944 überhaupt keine schulische Ausbildung mehr, da sie zum Kriegs- oder Arbeitsdienst herangezogen werden. Dies betrifft alle Oberschüler ab der achten Klasse und von September an auch alle Mädchen dieser Stufe. Die siebten Klassen der Oberschulen sollen neben dem Unterricht zum »Sozialeinsatz« herangezogen werden.

Neben dem schulischen kommt auch der universitäre Betrieb 1944 fast zum Erliegen. Zahlreiche Hochschulen bzw. Fakultäten werden geschlossen oder zusammengelegt, da die Fortsetzung eines Studiums nur ausgewählten Studenten ermöglicht wird. Eine Erstimmatrikulation wird nur Frauen und Kriegsversehrten gestattet, die nicht der allgemeinen Arbeitspflicht unterliegen.

Lediglich die Ausbildung an den Eliteschulen des Nationalsozialismus, den »Adolf-Hitler-Schulen« und den »Nationalpolitischen Erziehungsanstalten« (Napola), wird so weit als möglich weitergeführt. Hier soll der »völlig gesunde, rassisch einwandfreie, charakterlich saubere und geistig überdurchschnittlich begabte« nationalsozialistische Führungsnachwuchs herangezogen werden.