Bemühen um Chic auch in der Zeit der Not

Mode 1945:

Nach der Kapitulation des Deutschen Reiches richtet sich der Blick auch bald wieder auf Fragen der Mode. Schon im Herbst des Jahres 1945 werden zwei neue Modezeitschriften, »Berlins Modenblatt« und »Chic«, gegründet. Kostüme werden aus Armeedecken, Dirndlkleider aus Lazarettbettwäsche geschneidert, Uniformjacken zu Trachtenjacken verwandelt und das »bessere« Kleid aus Fallschirmseide hervorgezaubert. Die Röcke sind kürzer und bedecken kaum das Knie; die Schultern werden breiter und die Stoffe schlechter denn je. Sogar Unterwäsche muss selbst geschneidert werden. Das Angebot von Kleidung auf dem schwarzen Markt ist unzureichend. Alte Herrenhosen, weite Hemden, abgewetzte Kleiderschürzen und zu einem Turban geschlungene Kopftücher prägen das Bekleidungsbild der zerbombten Städte. Ihre Trägerinnen sind die sog. Trümmerfrauen, die den Schutt in den Straßen beseitigen.

In Frankreich konzentriert man sich schneller als in anderen Ländern wieder auf den Export von Mode. 53 der berühmtesten Pariser Couturiers, darunter Cristóbal Balenciaga, Pierre Balmain – der am 12. Oktober seinen Salon in Paris eröffnet – Jacques Fath, Madame Grès, Jeanne Lanvin, Jean Patou, Nina Ricci, Marcel Rochas und Elsa Schiaparelli, liefern ihre Modelle für eine gemeinsame Modenschau, das »Théatre de la Mode«. Dieses besteht aus einer Vielzahl von kleinen Drahtpüppchen, die von den einzelnen Couturiers bekleidet werden. Auf diese Weise können die Modeschöpfer Materialien sparen. Berühmte Künstler wie Jean Cocteau und Leon Berard wirken an der Ausstattung mit. Das »Théatre de la Mode« ist eine Sensation und wird in Barcelona, Stockholm, London, New York, San Francisco, Wien und Leeds gezeigt.

Das gebotene Modebild aber ist keineswegs einheitlich. Jeder Modeschöpfer weiß, dass sich nun, am Beginn einer neuen Zeit, die modische Silhouette vollkommen zu ändern hat. Alles soll – nach den Jahren des strengen Uniformstils – etwas lieblicher und femininer werden. Aber es herrscht ein unsicheres Suchen nach neuen Proportionen und Linien. Balmain verlängert drastisch die Saumlänge, Lucien Lelong versucht weite Krinolinen-(Reif-)röcke einzuführen, und Balenciaga bringt raffinierte Hüftdrapierungen. Vorerst existiert ein Großteil dieser Vorschläge jedoch nur auf dem Papier.