Wiederaufbau ohne moderne Impulse

Architektur 1945:

1945 liegen alle größeren deutschen Städte in Trümmern. Der Großteil der Bevölkerung ist entweder obdachlos, evakuiert, geflohen oder tot.

Noch weit bis in den April hinein arbeitet der durch einen Erlass von Führer und Reichskanzler Adolf Hitler 1942 eingesetzte Planungsstab »Wiederaufbau nach Kriegsende« unter Leitung von Albert Speer, Reichsminister für Rüstung und Kriegsproduktion, an einer industriegerechten Typisierung und Normierung des Bauwesens. So entwirft der Architekt Ernst Neufert eine »Hausbaumaschine« auf Schienen, die komplett ausgestattete, fünfstöckige Gebäudezeilen in einem sog. Strangpressverfahren herstellen soll. Auch Begriffe wie Betonpumpen, Gleitschalung und vorgefertigte Installationssysteme sind den Architekten und Ingenieuren in Speers Planungsstab durchaus geläufig. Parallel zu solchen Entwicklungen arbeitet der Ausschuss an Strategien, mit deren Hilfe städtebauliche Planungsvorhaben auf der Grundlage statistisch-analytischer Forschungen rationell realisiert und gesteuert werden können. Die unter der Leitung der Architekten Konstanty Gutschow und Rudolf Hillebrecht in diesem Zusammenhang entwickelten zentralistischen Theorien wirken bis weit in die 50er Jahre: Bekanntestes Beispiel für den auf diesen Grundlagen beruhenden organhaften Stadtgrundriss mit getrenntem Fahr- und Fußverkehr ist das ostwestfälische Sennestadt in der Nähe von Bielefeld.

Die während des Nationalsozialismus emigrierten Architekten des Neuen Bauens wie z. B. Walter Gropius und Ludwig Mies van der Rohe nehmen hingegen erst Jahre später durch ihre Schüler Einfluss auf die »Entnazifizierung« der deutschen Wiederaufbau-Architektur.