Zusammenbruch und Neubeginn im Bildungswesen

Bildung 1945:

Als sich der Zweite Weltkrieg auf dem europäischen Kriegsschauplatz seinem Ende nähert, stellen im Deutschen Reich die letzten Schulen und Hochschulen ihren Lehrbetrieb ein. Die meisten männlichen Schüler und Studenten sind mittlerweile zur Wehrmacht eingezogen worden oder leisten als Lufwaffenhelfer Dienst. Mit dem Zusammenbruch des Dritten Reiches kommt im Mai 1945 auch das Ende eines Bildungswesens, das ganz im Dienst des nationalsozialistischen Regimes gestanden hat.

Die alliierten Siegermächte messen der Umerziehung der deutschen Jugend nach zwölf Jahren nationalsozialistischer Indoktrination daher eine besondere Bedeutung bei. Ihre Bemühungen richten sich einerseits auf eine rasche Wiederaufnahme des Schul- und Hochschulbetriebs, andererseits achten sie streng auf die konsequente Entnazifizierung der deutschen Lehrerschaft.

In allen vier Besatzungszonen und in Berlin kann im Herbst der Schulunterricht zwar wieder aufgenommen werden, jedoch sind die Bedingungen häufig erbärmlich. So stehen z. B. Schülern in Köln bei Beginn des Unterrichts im Juli nur noch 212 von einst rund 2200 Klassenräumen zur Verfügung. Nicht selten drängen sich bis zu 150 Kinder in einem Unterrichtsraum. Die meisten Schüler sind unterernährt, haben zu Hause kein Dach über dem Kopf und müssen in Familien aufwachsen, deren Väter entweder gefallen, verschollen oder in Kriegsgefangenschaft geraten sind. Für den Unterricht stehen nur wenige Lehrer zur Verfügung. Die meisten von ihnen dürfen wegen der strengen Entnazifizierungsbestimmungen der alliierten Militärregierungen ihren Beruf nicht länger ausüben. So werden in Bremen Anfang Juli von 1646 Lehrern 984 als belastet eingestuft; in Würzburg werden nach Kriegsende über 90% der Pädagogen aus dem Schuldienst entlassen. Um Ersatz zu schaffen, versucht man, im Eilverfahren Hilfslehrer auszubilden. Auch pensionierte Pädagogen werden in Ermangelung von geeignetem Nachwuchs wieder in den Schuldienst eingestellt.

Nicht anders sieht es auf dem Hochschulsektor aus. Dennoch können mit Beginn des Wintersemesters 1945/46 zahlreiche deutsche Universitäten den Lehr- und Forschungsbetrieb wieder aufnehmen, so u. a. die Hochschulen in Freiburg im Breisgau, in Berlin und Göttingen (September) sowie in München, Münster, Kiel und Heidelberg (November). Jedoch machen die alliierten Besatzungsbehörden die Zulassung zum Hochschulstudium in der Regel von einer politischen Überprüfung abhängig. Infolge der Kriegszerstörungen an den Universitätsgebäuden ist außerdem die Zahl der Studienplätze eng begrenzt. Die Universität Göttingen kann z. B. von 10 000 Bewerbern nur knapp die Hälfte aufnehmen.