Ästhetik muss sich den wirtschaftlichen Zwängen beugen

Ästhetik muss sich den wirtschaftlichen Zwängen beugen
Luftaufnahme der Hufeisensiedlung in Berlin. By Sebastian Trommer (Own work) [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons

Architektur 1946:

In städtebaulicher Hinsicht unterliegt der Neu- bzw. Wiederaufbau der zerstörten deutschen Städte bis zum Ende des Jahrzehnts zwei konträren Tendenzen. Die sozialdemokratisch regierten Großstädte orientieren sich an den sozial engagierten, modernen Siedlungsbauten aus der Zeit der Weimarer Republik, wie sie z. B. von Bruno Taut in Berlin (Hufeisensiedlung, 1925; Onkel-Tom-Siedlung, 1926 – 1928) und von Ernst May in Frankfurt am Main (Römerstadt, 1925) errichtet worden waren. Stellvertretend für einige radikale Neuplanungen steht der sog. Kollektivplan von Groß-Berlin, der von einem Stadtplanungskollektiv unter der Leitung von Hans Scharoun veröffentlicht, aber nie verwirklicht wird.

Die überwiegend konservativ regierten kleineren Städte und Gemeinden bevorzugen eine eher traditionelle, besitzstandswahrende Planung ohne einschneidende Reglementierungen. Unter dem Zwang zu äußerster Sparsamkeit kommen nur bescheidene städtebauliche Veränderungen in Frage: Parzellenumlegung, Baulinienverlegung, Gewerbeverlagerung, bessere Verkehrserschließung. Als die »wahren« Leitlinien des Wiederaufbaus entpuppen sich die weitgehend unzerstört gebliebenen technischen Versorgungsnetze und die großen Straßenzüge, die zusammen mit den Grundstückskatastern die weiteren Entwicklungsstrukturen vorgeben, unberührt von jeder Theorie oder starrer Weltanschauung.

Für formal anspruchsvolle, moderne Architekten ist die Wiederaufbau-Situation geradezu prekär. Denn wo 5,8 Millionen Wohnungen fehlen, da entfällt ganz automatisch die Frage nach der architektonischen Qualität des Gebauten. Das ästhetische Moment muss angesichts der herrschenden Not praktischen Gesichtspunkten weichen. Ausgerichtet an den Bau-Normen, wie sie seit 1942 im »Planungsstab für den Wiederaufbau« unter der Leitung von Albert Speer erarbeitet worden waren, steigt die Neuerrichtung von Wohnungen wegen der gravierenden Geld- und Materialknappheit nur ganz allmählich auf etwa 100 000 Wohneinheiten (1949) pro Jahr an.

Sieht man einmal von den lukrativen Aufträgen im Rahmen der Stadtbildpflege (Prinzipalmarkt in Münster, Goethehaus in Frankfurt) ab, dann heißt Wiederaufbau im Normalfall Reduzierung auf das Allernotwendigste. Von der Wandstärke über die Treppenbreite zu den Fenstergrößen bis hin zu Flächenbedarf und Ausstattung ist alles pedantisch festgelegt. Das Ergebnis ist die bedrückende, engstirnige Monotonie der Wohnanlagen nach Kriegsende. Eine spektakuläre Ausnahme bilden die 1946 in Hamburg gebauten Grindel-Hochhäuser, die allerdings eher an moderne Verwaltungsbauten erinnern.