Ernährungslage in Deutschland weiter äußerst angespannt

Ernährung, Essen und Trinken 1946:

Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges hat sich die Ernährungslage in Deutschland laufend verschlechtert. Die Nahrungsmittelrationen, die in den vierwöchigen Zuteilungsperioden ausgeteilt werden, sind seit Jahresbeginn kontinuierlich gesunken. So beträgt der Kalorienwert (cal) der täglichen Rationen in der US-amerikanischen Besatzungszone, der im Januar noch bei 1500 cal gelegen hatte, in der Jahresmitte nur noch 1180 cal. Noch angespannter ist zu diesem Zeitpunkt die Lage in der britischen und der französischen Zone, wo täglich nur 1216 bzw. 1045 cal zur Verteilung gelangen. In der US-Zone steigt die Kalorienmenge bis Jahresende zwar wieder auf 1554 cal, jedoch liegen die Rationen noch weit unter dem erforderlichen Grundbedarf von 2600 cal oder den rund 1800 cal, die ein Mensch zum Überleben unbedingt braucht.

Die Verteilung der Lebensmittel wird durch ein kompliziertes bürokratisches Verfahren geregelt. So ist die Bevölkerung in mehrere sog. Kartengruppen eingeteilt. Erwachsene im Alter von über 20 Jahren zählen zu den »Normalverbrauchern«. Sie erhalten je nach ausgeübtem Beruf verschiedene Rationen. Am besten werden Schwerstarbeiter, z. B. Bergleute, versorgt. Die schlechteste Kartengruppe erhält dagegen die nicht berufstätige »sonstige Bevölkerung«. Die dort festgelegten Zuteilungen sind so gering, dass der Berliner Volksmund von der »Friedhofskarte« spricht. Vielfach können nicht einmal die auf den Lebensmittelkarten ausgedruckten Rationen an die Bevölkerung verteilt werden. Die knappen Zuteilungen zwingen die Deutschen, sich durch »Hamstern« auf dem Land oder durch Einkäufe auf dem schwarzen Markt zusätzlich zu versorgen. Dort wird ein Vielfaches der offiziell festgesetzten Ladenpreise verlangt. So kostet ein Kilogramm Mehl, für das im Geschäft 46 Reichsmark (RM) bezahlt werden muss, auf dem schwarzen Markt 30 bis 60 RM. Für ein Pfund Butter werden sogar zwischen 250 und 350 RM, für ein Paar Schuhe bis zu 600 RM verlangt. Auch Lebensmittelkarten sind dort zu haben. Die Preise schwanken zwischen 150 und 220 RM. Vielfach wird dort jedoch erst gar nicht mit Geld, sondern mit zumeist US-amerikanischen Zigaretten bezahlt. Der Kurs für eine begehrte »Ami« liegt bei ungefähr zehn Reichsmark. Ein Vergleich mit den 1946 gezahlten Wochenlöhnen: Ein Bergarbeiter im Ruhrgebiet verdient 60 RM, ein Facharbeiter erhält im Durchschnitt 50 RM!

Die Improvisation bei der Zubereitung der Lebensmittel kennt keine Grenzen. Suppen werden aus Wildkräutern gekocht. Bucheckern werden gesammelt, ausgepresst und das Öl zum Braten verwendet. Kartoffelschalen hebt man auf und brät sie wie Bratkartoffeln. Schlagsahne wird aus Milch, geriebenen Kartoffeln und Zucker geschlagen. Wo Zucker fehlt, behilft man sich mit Ersatzstoffen, beispielsweise mit Saccharin. Als Ersatznahrungsmittel dienen auch Trockenmilch und Trockeneipulver.

Einer der entscheidenden Gründe für die schlechte Ernährungslage ist die Tatsache, dass die landwirtschaftliche Nutzfläche in Deutschland erheblich zurückgegangen ist. 1938 lebten im Deutschen Reich rund 69 Millionen Menschen. Die landwirtschaftliche Nutzfläche betrug 28 537 ha. Hiervon befand sich etwa ein Viertel in den Gebieten jenseits von Oder und Neiße. 1946 stehen in den vier Besatzungszonen nur noch 20 605 ha Nutzfläche zur Verfügung (1938: 21 398 ha). Demgegenüber ist in diesem Gebiet die Bevölkerungszahl von fast 60 Millionen auf mehr als 64 Millionen angestiegen.

Die Erträge der deutschen Landwirtschaft sind außerdem durch Unterversorgung der Böden mit Düngemitteln und den Rückgang des Viehbestandes beträchtlich gesunken. So können 1946 nur rund 60% des Bedarfs der Bevölkerung durch die heimische Landwirtschaft gedeckt werden.

Die katastrophale Ernährungslage führt dazu, dass die Besatzungsmächte die Versorgung Deutschlands mit Lebensmitteln übernehmen müssen. Eine Folgewirkung dieser Hilfsmaßnahmen ist, dass in Großbritannien im Juni erstmals seit 1939 das Brot rationiert werden muss. Vor allem in den Vereinigten Staaten bilden sich private Hilfsorganisationen, beispielsweise CARE (Cooperative for American Remittances to Europe). 1946 treffen die ersten Lieferungen von Carepaketen in Deutschland ein. Bis Jahresende gelangen insgesamt rund 316 000 dieser Pakete, die Lebensmittel aus US-amerikanischen Armeebeständen enthalten, in allen vier Besatzungszonen Deutschlands zur Verteilung.