Militär-Technologien sollen jetzt zivilen Zwecken dienen

Wissenschaft und Technik 1946:

Im ersten Nachkriegsjahr bemühen sich Techniker, Wissenschaftler und Ingenieure, die während des Zweiten Weltkrieges für die militärische Nutzung entwickelten Technologien für zivile Zwecke zu verwerten. Auch deutsche Wissenschaftler sind daran beteiligt, allerdings nicht in ihrer Heimat, sondern in Großbritannien, den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion, wo sie ihre Kenntnisse den Siegermächten zur Verfügung stellen. Vor allem Flugzeugkonstrukteure und Raketeningenieure verlassen Deutschland, da sie wegen fehlender Forschungseinrichtungen ihre Arbeit im eigenen Land nicht fortsetzen können.

Große technische Fortschritte werden im Flugzeugbau erzielt. Zwar sind die meisten Passagiermaschinen noch umgerüstete Militärtransportmaschinen, aber auf den Reißbrettern der Ingenieure werden bereits die Passagierflugzeuge der Zukunft geplant. So befindet sich das bisher größte Flugzeug der Welt, die »Stratocruiser Boeing 337«, bereits im Bau. Der viermotorige »Stratosphärenkreuzer« besitzt zwei Decks mit einer eingebauten Bar und bietet bei voller Belegung 80 Passagieren einen bisher nicht gekannten Komfort. Das 63 t schwere Flugzeug soll eine Spitzengeschwindigkeit von rund 540 km/h erreichen.

Geplant sind auch Passagierflugzeuge mit Strahltriebwerken. Durch deren hohe Geschwindigkeit könnte die Flugdauer bei Transatlantikflügen um etwa 50% verkürzt werden. Bislang benötigt das meistverwendete Passagierflugzeug der Welt, die »DC 4« der US-amerikanischen Firma Douglas, für die Strecke von New York nach London mit zwei Zwischenlandungen rund 24 Stunden.

Versuchsflugzeuge mit Strahltriebwerken erbringen bisher nicht für möglich gehaltene Leistungen. So stellt im Juli dieses Jahres ein britischer Militärpilot mit einer düsengetriebenen Maschine vom Typ Gloster »Meteor« über Südengland mit 1013 km/h einen Geschwindigkeitsweltrekord auf.

Sowohl zivilen als auch militärischen Zwecken dienen die US-amerikanischen Versuche mit erbeuteten deutschen Raketen des Typs »V 1« und »V 2«. Von deren Weiterentwicklung auf dem US-amerikanischen Luftwaffenstützpunkt White Sands (US-Bundesstaat New Mexico) und ihrem baldigen Einsatz erhoffen Wissenschaftler, Erkenntnisse über den Aufbau der äußeren Lufthülle der Erde zu gewinnen. Rein militärische Ziele verfolgen dagegen die im Juni beginnenden Atombombentests der US-amerikanischen Streitkräfte auf dem Bikiniatoll. An eine zivile Nutzung der bislang kaum erforschten Atomenergie ist noch nicht zu denken.